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Arte-Film

Vergessenes Leid: Menschen als Zoo-Attraktionen

Berlin (dpa)

Die Doku ««Die Wilden» in den Menschenzoos» erinnert an Europas Völkerschauen, die Menschen aus fernen Kontinenten rund 100 Jahre lang Demütigung, Krankheit und Tod brachten. Ein berührender Film.

Von Ulrike Cordes, dpa

Marius Kaloie und seine Stammesangehörigen, Kanaken aus Neukaledonien, stehen für viele Tausend ausgestellte Menschen, deren Namen in Vergessenheit geraten sind. Foto: -/ARTE France/dpa

Auch das ist ein Kapitel Kolonialgeschichte. Und ein fast vergessenes, besonders erschreckendes dazu: Wie wilde exotische Tiere wurden zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs rund 35.000 Ureinwohner Afrikas, Australiens, Südamerikas und der Südsee nach Europa verfrachtet und öffentlich vorgeführt.

In Tierparks und im Zirkus, auf Märkten und im Theater, auf Wander- und Weltausstellungen: Für die populären Völkerschauen inszenierte man die Gruppen von Männern, Frauen und Kindern überdies gern künstlich als grotesk und furchterregend - etwa als Kannibalen.

Eineinhalb Milliarden sich zivilisiert und kultiviert wähnende Franzosen, Engländer, Deutsche oder auch Portugiesen begafften die Fremden, die sie ohne zu reisen in Fleisch und Blut erleben konnten - gegen Eintrittsgeld. Für Lieferanten und Aussteller ein lukratives Geschäft, das wohl auch den Beweis für eine angebliche Überlegenheit der Weißen zu liefern hatte. Denn Wissenschaftler untersuchten und vermaßen die Schwarzen, darunter Pygmäen aus Belgisch-Kongo, um sie sodann am unteren Ende ihrer Hierarchie einzusortieren. Und damit zugleich den politischen Imperialismus der Europäer zu rechtfertigen.

So zeigt es jedenfalls die beeindruckende Dokumentation ««Die Wilden» in den Menschenzoos», die diesen Dienstag um 20.15 Uhr auf Arte zu sehen ist. Den Film von Bruno Victor-Pujebet und Pascal Blanchard von 2017 zeichnet sich nicht nur eine Fülle von historischem Film- und Fotomaterial sowie Kommentare internationaler Experten aus. Das sehr Besondere und Berührende ist, dass die Autoren sechs jener Menschen, die in der ihnen unvertrauten und sie demütigenden Umgebung oft bald erkrankten und starben, Gesichter und Namen zu geben vermögen. Und teils sogar heute lebende Nachfahren zu Wort kommen lassen.

Vorwürfe auch gegen Carl Hagenbeck

Dabei lernen wir zum Beispiel das Petite Capeline genannte kleine Mädchen aus Feuerland kennen, das mit seiner Mutter Petite Mère in einem verschlossenen Gehege im Pariser Vergnügungspark Jardin d’Acclimatation gezeigt wurde. Schon bald darauf, am 30. September 1881, starb das Kind mit zweieinhalb Jahren an einer Lungenentzündung. Viele der Geschichten, die Victor-Pujebet und Blanchard aufzeigen, konzentrieren sich auf Frankreich, das auch mit der Pariser Weltausstellung 1900 einen Schwerpunkt der düsteren Aktivitäten bildete, sowie auf London, eine «Hauptstadt der Menschenzoos».

Doch auch gegen einen Deutschen, Carl Hagenbeck (1844-1913) aus Hamburg, erhebt der Film schwere Vorwürfe. Der Völkerschau-Ausrichter und spätere Zoogründer hatte die Gruppe, zu der Petite Capeline gehörte, bei einem chilenischen Händler bestellt. Bei einer von ihm 1882 veranstalteten Tournee häuften sich die Todesfälle. Und die übrigen Mitglieder sahen so elend aus, dass sich das Publikum beschwerte. Hagenbeck sah sich gezwungen, die Tour abzubrechen. Von den ursprünglich elf Feuerländern kehrten nur zwei in ihre Heimat zurück. Vermutlich brachten sie dorthin eine Lungenkrankheit mit, die zu weiteren Toten führten. 1970 starb der letzte ihres Volkes.

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