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TV-Tipp

Zürcher «Tatort» zeigt Frauenpower auch im Schurkenmilieu

Zürich (dpa)

Geht eine Pharmafirma für den reibungslosen Start eines lukrativen Medikaments über Leichen? Wird die Mutter eines kranken Kindes zur Rächerin? Eine «Tatort»-Kommissarin rappt, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Von Christiane Oelrich, dpa

Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher) kümmert sich um die jugendliche Zeugin Klara Canetti (Anouk Petri), die kollabiert ist. Foto: Sava Hlavacek/ARD/SRF/dpa

Die beiden Schweizer «Tatort»-Ermittlerinnen haben es dieses Mal mit einer Wasserleiche im Zürichsee zu tun. Schnell wird klar, dass das Opfer, eine junge Rechtsanwältin und Diabetikerin, mit Insulin getötet wurde. Sie war in der Kanzlei der unnahbaren Martina Widmer beschäftigt und dort bei der Arbeit in einen ethischen Zwiespalt geraten.

Die Kommissarinnen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und Tessa Ott (Carol Schuler) tauchen in das Milliardengeschäft um teure Medikamente ein und finden Abgründe. Der Krimi «Risiken mit Nebenwirkungen» ist Sonntagabend (11.9.) im Ersten zu sehen.

Realitäten haben sich verändert

Widmers Kanzlei vertritt das aufstrebende Pharma-Unternehmen Argon, das kurz vor dem Marktstart eines sehr teuren Medikaments für eine sehr seltene Krankheit steht. Argon rechnet mit einem Riesengeschäft. Allerdings klagt eine Teenagerin im Rollstuhl, die in der letzten Testphase damit behandelt worden war, ihr Zustand habe sich durch das Medikament verschlechtert. Die Kanzlei soll mit allen Mitteln verhindern, dass die Familie das Unternehmen verklagt.

Die tote Anwältin Corinne Perrault (Sabine Timoteo) war auf eine brisante, unveröffentlichte Studie gestoßen, die vor schweren Nebenwirkungen warnte. Sie hatte Gewissensbisse, weil sie das Mädchen Klara Canetti (brillant gespielt von Anouk Petri) so hart angehen musste, um sie von einer Klage abzubringen.

Ins Visier der Kommissarinnen geraten alle: Klaras Mutter (gespielt von Annina Butterworth) aus Ärger darüber, dass die Anwältin ihre Tochter so quälte. Perraults Kollege und Liebhaber (Benjamin Grüter) aus Frust, dass sie in der Kanzlei eine höhere Position hatte als er. Und Kanzlei-Chefin Widmer (Theresa Affolter) und die junge Entwicklerin des Medikaments, Regula Arnold (Laura de Weck), weil sie keine Störung der Markteinführung dulden wollten.

Und dann ist da der Professor (Robert Hunger-Bühler). Er hatte den Wirkstoff zusammen mit seiner einstigen Studentin Arnold entwickelt, wurde von ihr aber ausgebootet, bevor Argon den Wirkstoff für einen Milliardenbetrag kaufte. Er hat die brisante Studie verfasst.

Dieser «Tatort» wartet mit geballter Frauenpower auf, sowohl auf Ermittlerseite - neben den Kommissarinnen auch Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) - als auch auf Schurkenseite, mit den Juristinnen auch die Wirkstoffentwicklerin. «Ob in Schweizer "Tatorten" neben dem Ermittlerinnen-Duo auch künftig mehrheitlich Frauen agieren, wird sich zeigen», sagt Regisseurin Christine Repond im ARD-Interview. «Will man die sich ändernden Realitäten in unserer Gesellschaft einbeziehen, sollte man das zumindest im Auge behalten.»

Ermittlerinnen sind sich nicht ganz grün

Repond hat im Drehbuch von Stefanie Veith und Nina Vukovic die ursprünglich als Männerrolle gedachte Position der Kanzleispitze zusätzlich mit einer Frau besetzt. «Es gibt schon so viele Filme mit älteren, mächtigen Männern, und ich fand es an der Zeit, eine solche Rolle mit einer starken Frau zu erzählen», sagt sie.

Das Verhältnis zwischen den Ermittlerinnen bleibt auch im vierten «Tatort» aus Zürich diffus. Die einst offensichtliche Abneigung hat sich gelegt, aber sie fahren sich immer noch gegenseitig in die Parade, und sie sind sich immer noch nicht ganz grün.

Die französischsprachige Grandjean aus kleinen Verhältnissen, die sich im reichen Zürich nicht wohlfühlt, ist manchmal gnadenlos im Verhör, dann wieder ganz verwundbar, wenn sie ihrem Freund tränenreich sagt, sie fühle sich als Versagerin. Ott aus reichem Hause, das sie verabscheut, hält die Leute in der Pharmaindustrie für «kapitalistische Scheißwichser» und bleibt beharrlich dabei, per Fahrrad zum Tatort zu fahren. Am charmantesten ist Grandjean, wenn sie einen Verdächtigen mit französischem Akzent als «Jammerlappen» bezeichnet. Am witzigsten, wenn sie sich als Rapperin erst das Vertrauen einer Zeugin und dann den Beifall ihrer Kollegin sichert.

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