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Fotos von Familienkrisen

Grandios witzig und tragisch zugleich: Philipp Löhles „Der Wind macht das Fähnchen“ im U2

Münster

Ein Dia-Abend im Theater: Vater, Mutter, Tochter und Sohn posieren lächelnd, grinsend, feixend. Zwischen immer neuen Bildern klackert der Projektor, zwischen dem Dunkel des Dia-Wechsels ertönen die Kommentare der Eltern und Kinder: Ein furioser Beginn.

Harald Suerland

Mutter Petra (Regine Andratschke) hätte wohl nicht gedacht, dass sich Tochter Sibylle (Maike Jüttendonk) von der Umwelttechnik-Studentin zur Mode-Unternehmerin verwandelt. Foto: Jochen Quast

Familien-Schnappschüsse über viele Jahre hinweg sind das dramaturgische Grundgerüst von Philipp Löhles „Einfamilienstück“ mit dem sperrigen Titel „Der Wind macht das Fähnchen“. Der junge Dramatiker zeigt einerseits die beliebten Chaos-Konstellationen, wie sie sich wohl gerade erst unter manchem Weihnachtsbaum abgespielt haben: keifende Kinder, streitende Eltern, pubertärer Trotz, Vorwürfe und Eifersüchteleien. Aber Löhle erzählt andererseits auch, dass viele dieser Konflikte gar nicht hausgemacht, sondern von den gesellschaftlichen Zuständen erzwungen sind: Das Fähnchen ist viel zu schwach, als dass es dem Wind der Veränderungen trotzen könnte. Denn die Arbeitslosigkeit, die den Vater gleich zwei Mal im Leben trifft, strapaziert die Familienbande, macht den Vater etwa zum späten Nachkommen des Handlungsreisenden Willy Loman, der seine Frau so lange über sein Schicksal hinwegtäuschen kann, bis er ihr in einer Bar begegnet, in der sie bedient, weil auch sie ihren Job verloren hat.

Klingt nahezu tragisch – und ist doch herrlich komisch in Frederik Tidéns aufgekratzter Inszenierung, die dem Stück zunächst ein gehöriges Boulevard-Tempo mitgibt. Ausstatterin Kerstin Bayer verzichtet in der Kellerspielstätte U2 auf alles schmückende Beiwerk, spannt eine weiße Leinwand als Prospekt und Projektionsfläche aus und greift bei den Kostümen nur dann in die Vollen, wenn die Kinder-Darsteller Dennis Lauben­thal und Maike Jüttendonk als mafiöse Vorstände ihre Marlon-Brando-Parodie abliefern oder wenn Tochter Sibylle schrille Telefonate führt.

Laubenthal als jüngstes Familienmitglied Tim ist wunderbar, wenn er die eigenen Liebesgedichte im Keller tanzt, und hat andererseits einen besonders ernsten Moment in seinem Monolog als Polizist. Maike Jüttendonk zeichnet den Lebensweg der Tochter von der braven Umwelttechnik-Studentin zur gewieften Unternehmerin mit grandioser parodistischer Inbrunst. Und das starke Elternpaar Regine Andratschke als Petra und Mark Oliver Bögel als Holger liefert sich die schönsten Rede-Duelle um den „Besitz“ der Kinder – er hat einen schön albernen Moment, wenn er als Vampir-gleicher Fremdling Roger die fremde Frau anbaggert, sie wiederum liefert einen der traurigsten Momente im lächerlichen Aufzug der Bar-Bedienung.

Die gerade mal 70-minütige Aufführung bietet ein sehenswertes Konzentrat aus Komik und Tragik, aus Familienalbum und Gesellschaftsbild. Und ist ein fabelhaftes Mittel für feiertagsgestresste Familienmitglieder.

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