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Der lang erwartete Bayreuther „Ring“ beginnt mit einem durchwachsenen „Rheingold“

Kinderraub vor Wotans Villa

Bayreuth

Die Bayreuther Festspiele sind, trotz all der anderen Wagner-Werke, immer noch die zen­trale Aufführungsstätte für den vierteiligen „Ring des Nibelungen“. Die Neuinszenierung nach Frank Castorfs kühner Öl-Parabel fiel vor zwei Jahren der Pandemie zum Opfer und geht nun endlich über die Bühne. Der Auftakt war eher durchwachsen.

Von Harald Suerland

„Das Rheingold“ bietet eine bunte Versammlung: Wotan (Egils Silins, l.) und sein Götter-Clan (v. l. Attilio Glaser als Froh, Elisabeth Teige als Freia, Raimund Nolte als Donner) sind sehr auf die Cleverness des windigen Advokaten Loge (Daniel Kirch) angewiesen.                                                                    Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

„Dort die Kröte, greife sie rasch!“, sagt Loge zu seinem Chef Wotan – und der schnappt sich den Jungen aus der Obhut seines Gegenspielers. Eigentlich ist das die berühmte Tarnkappenszene, in der sich Gegenspieler Alberich kurz in ein Tier verwandelt – aber Regisseur Valentin Schwarz erzählt lieber seine eigene Geschichte, in der ein geraubter Junge für das Rheingold steht. Und er scheut vor Kalauern nicht zurück: So greift der göttliche Donner nicht etwa zum Hammer, um es krachen zu lassen, sondern zum Golfschläger, den schon Wotan zuvor anstelle seines Speers benutzt hat. Der im Orchester groß instrumentierte Donnerschlag ist dann ein kleiner Kick mit dem Golfball. Lustig.

Die Bayreuther Festspiele sind, trotz all der anderen Wagner-Werke, immer noch die zen­trale Aufführungsstätte für den vierteiligen „Ring des Nibelungen“. Die Neuinszenierung nach Frank Castorfs kühner Öl-Parabel fiel vor zwei Jahren der Pandemie zum Opfer und geht nun endlich über die Bühne. Von Netflix und „anteasern“ sprach der junge Regisseur Valentin Schwarz flott vorab, um sich dann im Rückzug wieder auf die besondere Aufführungssituation der Festspiele zu beziehen – „Binge Watching“ war nun das Stichwort. Und es ist ja wirklich keine umwerfende Erkenntnis, dass im eröffnenden „Rheingold“ Göttervater Wotan wie irgendein Pate oder Ölbaron im Zen­trum seiner Familie sitzt, sich aber aus den eigenen geschäftlichen Verstrickungen nur mit den Tricks seines feurigen Advokaten Loge halbwegs befreien kann.

Das zu erzählen wäre anspruchsvolle Aufgabe der Regie – aber Schwarz will doch mehr, was schon das Bild des embryonalen Zwillingspaars beim Vorspiel zeigt: Dass es Wotan und ­Alberich sein sollen, wird behauptet, aber szenisch nicht belegt. Am Pool wachen die Rheintöchter-Gouvernanten über eine Kinderschar, aus deren Mitte der gedemütigte Alberich bei seinem Liebesfluch den Jungen raubt; einen Ring, einen Speer, einen Goldschatz mit Tarnhelm gibt es nicht. Kann man so machen, wenn man kann. Aber Schwarz erzählt in dieser „Ring“-Eröffnung so beliebig an der Musik vorbei, dass er besonders „Ring“-Neulinge vor große Schwierigkeiten stellen dürfte. Eine gute Serie, an der man dranbleibt, dürfte das nicht riskieren.

Sondierungen im Sitz-Umfeld

Wie das wird, mag schon der erste der folgenden drei großen Operntage mit der „Walküre“ erweisen – kürzlich erst hat Peter Kon­witschny in Dortmund eine spektakuläre Lösung gefunden. Auch musikalisch sind da noch manche Möglichkeiten, denn der Bayreuther Jubel für den kurzfristig eingesprungenen Dirigenten Cornelius Meister kann nicht über die vergleichsweise matte Interpretation der Premiere hinwegtäuschen: An das Spektrum Christian Thielemanns oder die sprechenden Details bei Kirill ­Petrenko sollte man besser nicht denken.

Und die am lautesten umjubelten Sänger wie Olafur Sigurdarson als Alberich oder Daniel Kirch als Loge waren tatsächlich die lautesten, aber wenig verständlich. Die Frauen um „Erda“ Okka von der Damerau überzeugten weitaus mehr. Grund genug, sich auf Klaus-Florian Vogt und Georg Zeppenfeld in der „Walküre“ zu freuen. Und gespannt zu sein, was aus den angedeuteten Buhs wird, wenn sich der Regisseur auch mal vor dem ­Vorhang zeigt.

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