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Neu im Kino

„Aftersun”: Meisterwerk über eine Vater-Tochter-Beziehung

Münster

Ein Film, in dem wenig passiert und sich dennoch Welten öffnen - familiäre und seelische. Im preisgekrönten Regiedebüt der Schottin Charlotte Wells spielt „Normal People”-Star Paul Mescal einen jungen Vater, der seiner elfjährigen Tochter im Türkeiurlaub nicht erklären kann, was in ihm vorgeht.

Von Gian-Philip Andreas

Vater Calum (Paul Mescal) und Tochter Sophie (Frankie Corio) könnten auch als Geschwister durchgehen. Foto: Cinetic

Ein Vater, eine Tochter, im Urlaub. Die Hotelanlage an der türkischen Riviera ist nichts Besonderes, sie ist ganz gewöhnlich. Wo man halt so Urlaub macht. Die elfjährige Sophie kommt gerade in ein Alter gesteigerter Neugier, mit noch halb unverstandenem Interesse beobachtet sie die frühromantischen Spiele der Jugendlichen am Strand. Mit ihrem Vater geht sie um, wie die meisten Kinder mit ihren Eltern umgehen, umgekehrt genauso, manchmal ist es albern, manchmal bockig, dann sehr liebevoll. Gut können sie nebeneinander schweigen. Und gut können sie Dinge miteinander unternehmen. Alles in Ordnung also?

Stück für Stück, oft wie nebenbei, lässt die Schottin Charlotte Wells in ihrem brillanten, in Cannes ausgezeichneten Regiedebüt „Aftersun“ durchscheinen, dass mit dem Vater irgendwas überhaupt nicht in Ordnung ist. Immer wieder wirkt Calum abwesend, als verschwinde er in einem Loch, aus dem ihn die Tochter zurückholen muss. Nur andeutungsweise gibt der Film preis, woher diese Melancholie rührt: Calum, der selbst noch so jung ist, dass er für Sophies Bruder gehalten wird, lebt von der Mutter des Mädchens schon länger getrennt, es gibt finanzielle Sorgen. Gab es auch Drogenprobleme? Leidet er an Depressionen? Diese Vermutungen bleiben bestehen, geklärt werden sie nicht.

Zwischen Glück und Abgrund schwankend

Erzählt wird diese in den Neunzigern angesiedelte Urlaubsgeschichte retro­spektiv: Die erwachsene Sophie erinnert sich anhand alter Camcorder-Videos, die sie damals machte, an ihren Vater, den sie, wie sich herausschält, damals offenbar zum letzten Mal sah. Welche Erinnerungen stimmen? Welche sind ausgedacht? Vieles bleibt bewusst im Ungefähren in diesem in der Tonalität meisterlich abgestimmtem Vater-Tochter-Drama, dessen zwischen Glück und Abgrund schwankende Stimmung stark von den kühnen Weglassungen lebt, aber auch von den Darstellern: Paul Mescal, bekannt geworden durch die Sally-Rooney-Serie „Normal People“, bringt die Hilflosigkeit des sympathischen Vaters in allen Nuancen glaubhaft zur Geltung. Die kleine Frankie Corio gibt ein phänomenales Debüt. Regisseurin Charlotte Wells wird man sich ohnehin merken müssen: „Aftersun“ gehört zum Besten, was es dieses Jahr im Kino zu sehen gab. Herausragend.

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