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„Mare of Easttown”: Starke Qualitätskrimiserie mit Kate Winslet

Alle sind müde, alle sind verdächtig

Kate Winslet ist jetzt 45, den Oscar hat sie schon. Und doch spielt sie jetzt ihre bislang stärkste Rolle – als Oma! In der Kleinstadt-Krimiserie „Mare of Easttown” ermittelt sie im Fall einer ermordeten Teenager-Mutter. Und geht damit an die Nieren.

Von Gian-Philip Andreas

Die verhärtete Polizistin Mare Sheehan (Kate Winslet) kann im Beruf entschlossen zugreifen. Foto: HBO

Es gibt Krimis, es gibt gute Krimis – und dann gibt es noch die exzellenten Krimis, die weit über das Lösen eines Kriminalfalls hinausgehen, die jede Menge kluge Dinge erzählen über die Protagonisten und die Umgebung, in der sie leben. Die siebenteilige Miniserie „Mare of Easttown“ kann man getrost zu diesen exzellenten Krimis zählen, und das nicht nur, weil Kate Winslet darin – ein Vierteljahrhundert nach „Titanic“ und zwölf Jahre nach ihrem Oscar für „Der Vorleser“ – die Rolle ihres Lebens spielt. Es ist ihre erste Großmutterrolle. Als geschiedene Kommissarin Mare Sheehan trägt die Mittvierzigerin die Last eines beschädigten Lebens auf ihren verspannten Schultern: Die drogensüchtige Schwiegertochter will ihr den Enkel nehmen, der seit dem Suizid ihres Sohnes bei ihr lebt, und weil sie im Fall eines vermissten Teenagers nicht weiterkommt, schlägt ihr Unmut entgegen aus ihrem Städtchen Easttown.

Mare Sheehan passt, müde und dauergenervt, in ein Umfeld, das voller geplatzter Träume ist, voller Lebensentscheidungen, die im Nirgendwo verlaufen sind. Winslet produzierte die von Brad Ingelsby („Run All Night“) konzipierte Serie mit, entsprechend viele Großaufnahmen gibt es von ihr, doch eitel sind sie nicht: Ungeschminkt und schonungslos entwirft sie das Bild einer verhärteten Frau, die sich noch nicht gestattet hat, das Trauern zuzulassen. Es gibt einen weiteren Fall, den Mord an einer jungen Mutter. Noch bis kurz vor Schluss sind nahezu alle Figuren der Serie verdächtig: Mares Ex, ihre beste Freundin, ein Pfarrer, ein Schriftsteller (Guy Pearce) und viele mehr.

„Mare of Easttown“ ist ein sogenannter „Whodunit“: Man darf miträtseln bei der Tätersuche, die gegen Ende hin irre spannend wird. Doch ist die Serie noch viel mehr als das. Sie steckt voller brillant gespielter Charakterporträts und bilanziert eine zersiedelte Gegend, der der Wegfall von Montan- und Autoindustrie den gesellschaftlichen Garaus zu machen droht. Herausragend.

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