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„Crimes of the Future”

Anatomisches Lusttheater - David Cronenberg zeigt wieder Körperhorror

David Cronenberg war eigentlich schon in der Versenkung verschwunden, jetzt kehrt der kanadische Kult-Regisseur mit fast achtzig Jahren doch noch mal zurück, um mit dem weiterzumachen, wofür er am berühmtesten ist: Body Horror rund um nachwachsende Organe, fetischisierte Lust und biotechnologische Verstümmelungsfreude, angerichtet in einer dystopischen Zukunft, in der es keinen Schmerz mehr gibt.

Von Gian-Philip Andreas

Caprice (Léa Seydoux, l.) und Performancekünstler Saul (Viggo Mortensen) faszinieren mit ihren Organ-Tricks die Ermittlerin Timlin (Kristen Stewart). Foto: Nikos Nikolopoulos

David Cronenberg war der König des Body Horror: In Filmen wie „Die Fliege“, „Die Unzertrennlichen“ oder „Crash“ zelebrierte der kanadische Regisseur abseitige Körpermodifikationen und entlegene Areale der Erotik. Bis er irgendwann davon abrückte, plötzlich Qualitätsthriller drehte und schließlich, so schien’s, in Rente ging.

Nun kehrt er doch zurück – direkt in die Gefilde seines früheren Œuvres. Wie damals wird nun wieder herzhaft in Organen herumgefriemelt, an Eingeweiden gezutzelt und mit biotechnologischem Gerät hantiert. Klingt eklig? Nun, eine gewisse Lust am Grenzgängerischen sollte man mitbringen, auch wenn sich das meiste eher im Kopf des Publikums abspielt.

Cronenbergs Lieblingsdarsteller Viggo Mortensen („Eastern Promises“) spielt den Performancekünstler Saul, der in einer unbestimmten Zukunft, in der Dinge wie Schmerzen oder Infektionen abgeschafft wurden, über eine weitere Besonderheit verfügt: Ihm wachsen ständig neue Organe, die seine Showpartnerin Caprice (Léa Seydoux) vor erotisiertem Publikum live aus ihm herausoperiert. Bald gerät Saul in die Intrigen einer radikal-evolutionären Terrorgruppe und zwischen die Fronten von Polizei und Bürokratie. Besonders hervor tut sich hier die wunderbare Kristen Stewart, die als Ermittlerin der Behörde für Organregistrierung Sauls Faszinosum erliegt.

Geschickt laviert sich Cronenbergs Film zwischen seriöser Dystopie, Film Noir und Horrorfantasie durch, untermalt vom soghaftem Soundtrack Howard ­Shores und gelenkt von Schauspielern, die der abgründigen Erzählwelt verblüffende Glaubhaftigkeit verleihen. An seine eigenen Kultfilme reicht der 79-jährige Regisseur dennoch nicht heran: Sein neues Werk entfaltet visuell keinen vergleichbaren Zauber und wirkt mit seinen länglichen Dialogsequenzen auch ziemlich zerquatscht.

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