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„Wer wir sind und wer wir waren“: Melancholisches Trennungsdrama

Auf der Klippen-Kante

Nach 29 Jahren verkündet ein Lehrer seiner Frau beim Wochenende mit Sohn, dass er die Familie verlässt. Souverän gespieltes melancholisches Trennungsdrama nach Bühnenvorlage.

Von Hans Gerhold

Ihre Ehe ist offenbar an ein Ende gekommen: Grace (Annette Bening) und Edward (Bill Nighy) müssen sich diese schmerzvolle Erkenntnis eingestehen. Foto: Robert Viglasky/Tobis Film/dpa

Filme über Trennungen wie der Klassiker „Kramer gegen Kramer“ gehören nicht unbedingt zur leichten Kost im Kino, zumal diese letzten Szenen einer Ehe mit Schmerzen arbeiten, die bei Zuschauern unter die Haut gehen können. Das britische Drama „Wer wir sind und wer wir waren“ von William Nicholson, der sein vom Leben der Eltern inspirierte Theaterstück für den Film adaptierte, geht einen Mittelweg und glänzt durch hervorragende Schauspieler.

Der vor der Pensionierung stehende Edward (Bill ­Nighy) lässt den erwachsenen Sohn Jamie (Josh O’Connor) für ein gemeinsames Wochenende ins Elternhaus kommen und eröffnet ihm, er werde sich nach 29 Jahren von Gattin Grace (Annette Bening) trennen. Jamie solle den Schock der Mutter mildern. Doch das Erhoffte tritt nicht ein: Das Leben der drei gerät aus den Fugen, viel steht auf der Klippenkante so wie buchstäblich im Gespräch auf den Klippen, das Jamie mit der Mutter führt.

Das ist souverän gespielt, wie man es von Nighy und Bening erwarten darf. Bening, die die Familie regiert und gegen Edward mit verbalen Spitzen vorgeht, mutiert vom Energiebündel zur schwankenden Figur und gewinnt neue Stärke. Ihre Liebe zu klassischer Literatur und Gedichten (sie bereitet eine Buchausgabe vor) spiegeln ihr inneres Leben mehr als das nach außen gezeigte dominante Verhalten.

Nighy („Tatsächlich... Liebe“), stets ein Meister des Understatement, spielt den Geschichtslehrer, der penibel bei Wikipedia nach historischen Fehlern in den Eintragungen sucht. Mit kleinen Gesten und Augenspiel zwischen Resignation und Aufbruch vermittelt er subtil, dass diese Ehe für ihn über Jahrzehnte ein Fehlschlag war und gegenläufige Vorstellungen von Glück ins verzögerte Aus führten.

„Hope Gap“, so der Original-Titel des Films, verleugnet seine Bühnenherkunft nicht (die Küchenszene) und lockert durch das authentische Ambiente des großzügigen Cottage der relativ wohlhabenden Familie und die raue Schönheit der Steilklippen von Seaford, East Sussex, das Geschehen visuell auf. Sehenswert.

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