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„Parallele Mütter“: Emotionales und politisches Drama

Austragen und ausgraben

Meisterregisseur Pedro Almodóvar verknüpft im emotionalen und politischen Drama die Geschichte Spaniens mit persönlichen Geschichten zweier ungewollt schwanger gewordenen Frauen unterschiedlichen Alters. Inszenatorisch und schauspielerisch (Penelope Cruz) sehenswert.

Von Hans Gerhold

Milena Smit als Ana und Penelope Cruz als Janis haben in der Küche offenbar ein anregendes Gespräch.

Der spanische Autorenfilmer Pedro Almodóvar hat schon immer Frauen gefeiert („Alles über meine Mutter“): als starke Wesen („High Heels“), als Aktivistinnen einer Solidargemeinschaft („Volver“) und als die Zeiten korrigierende Menschen mit Aussicht („Julieta“). Wobei Aussicht auch Rückschau bedeuten kann, was sein neuer Film durchdekliniert. Aus „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ sind jetzt „Parallele Mütter“ im Spanien des Jahres 2016 geworden.

Die in Venedig mit dem Darstellerpreis ausgezeichnete und für den Oscar nominierte Penelope Cruz, Muse des Meisters wie früher die wunderbare Carmen Maura, spielt die Fotographin Janis (nach Janis Joplin). Sie lernt als 40-jährige, ungewollt schwanger gewordene reife Frau auf der Entbindungsstation die 17-jährige Ana (Milena Smit) kennen, die Opfer einer vertuschten Vergewaltigung wurde und wie Janis das Kind austrägt.

Monate danach stellt sich beim DNA-Test heraus, dass Janis‘ Tochter nicht ihr Kind sein kann. Sie trifft Ana wieder, die sich stark verändert hat. Die Frauen arbeiten ihre Vergangenheit in Form der Geschichten beider Mütter auf. Soweit die emotionalisierte Seite des Dramas, das Almodóvar mit gewohnter Könnerschaft stilsicher und nur in den Farben weit gedämpfter als früher erzählt. Er ist in der Zeit von #meToo abgekommen, was nicht nur das T-Shirt von Janis mit der Aufschrift „We Should All Be Feminists“ bezeugt.

Zur persönlichen Rückschau gesellt sich die politische Vergangenheit des Spanischen Bürgerkriegs. In der Rahmenhandlung bittet Janis den forensischen An­thropologen Arturo, ihr und den Dörflern zu helfen, die die im Massengrab verscharrten Opfer des Franco-Regimes zur Identifizierung ausgraben wollen. Zum Austragen kommt nun noch das Ausgraben. Die parallelen Handlungsstränge wirken konstruiert, was aber nichts an Almodóvars inszenatorischer Meisterschaft gerade in den intimen Szenen mindert. Sehenswert.

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