1. www.wn.de
  2. >
  3. Welt
  4. >
  5. Kino-kritik
  6. >
  7. „Triangle of Sadness”: Rabiate Reiche-Leute-Satire gewann Goldene Palme in Cannes

  8. >

Das Erbrechen der Begüterten

„Triangle of Sadness”: Rabiate Reiche-Leute-Satire gewann Goldene Palme in Cannes

Der schwedische Regisseur Ruben Östlund gewann im Mai die Goldene Palme in Cannes – zum bereits zweiten Mal nach „The Square”. In seiner überlangen, dreiteiligen Satire auf die Auswüchse des Kapitalismus pfeift er auf Subtilitäten und nimmt keine Gefangenen.

Von Gian-Philip Andreas

Influencerin Yaya (Charlbi Dean) macht ihren Model-Freund Carl (Harris Dickinson) neidisch. Foto: Fredrik Wenzel/Alamode/dpa

Seit Mai zählt Ruben Östlund zum erlauchten Kreis jener Filmemacher, die die Goldene Palme von Cannes gleich zweimal gewinnen konnten – vor ihm gelang war dies etwa Francis Ford Coppola, den Dardenne-Brüdern oder Michael Haneke gelungen. Höchste Zeit also, dass sich auch Gelegenheitsfilmfans den Namen dieses Regisseurs aus Schweden merken, der ganz auf garstige Satiren spezialisiert ist. Und auf geometrische Formen: Nach der Kunstbetriebsfarce „The Square“, in dem ein quadratisches Kunstwerk eine zen­trale Rolle spielte, geht es diesmal um das titelgebende „Dreieck der Traurigkeit“.

Kreuzfahrt des Grauens

Damit ist das Sorgenfaltenareal über der Nase von Model Carl (Harris Dickinson aus „Der Gesang der Flusskrebse“) gemeint, der sich noch so sehr demütigen lassen kann von Modefotografen und Casting-Agenten und doch nie den Ruhm und das Einkommen seiner Influencer-Freundin Yaya (erste und letzte Hauptrolle der im August tragisch verstorbenen Charlbi Dean) einholt.

Ihre aus kapitalistischen Entwertungszusammenhängen gespeisten Beziehungskrisen bilden den ersten Teil des dreigeteilten Zweieinhalbstundenfilms.Im Mittelteil begeben sich Carl und Yaya auf eine Kreuzfahrt des Grauens: Unter lauter Superreichen, darunter ein russischer Oligarch und Dünger-Magnat (Selbstbeschreibung: „King of Shit“) samt neurotischer Gattin (Sunnyi Melles), ein freundliches Britenpaar, das mit Handgranaten reich wurde, und eine Deutsche (Iris Berben), die nach einem Schlaganfall nichts anderes mehr sagen kann als „In den Wolken!“, schippert das Model-Duo einem infernalischen Captain’s Dinner entgegen, das sich zur gigantischsten Kotzorgie seit Monty Pythons „Sinn des Lebens“ entwickelt. Tipp: Nicht üppig essen vor dem Kinobesuch! Woody Harrelson dominiert als marxistischer Kapitän, der die Unmoral seiner Protz-Passagiere nur im Suff erträgt.

"Triangle of Sadness": Effektsicher und schwarzhumorig

Das finale (und schwächste) Drittel des Films trägt sich auf einer einsamen Insel zu, in der sich die Hierarchien neu ordnen und offenbar wird, was im Spätkapitalismus vom Menschen bleibt, wenn es plötzlich nicht mehr ums Geld geht.

Östlund bringt seine zivilisationskritischen Punkte ohne lästige Rücksicht auf Subtilitäten auf die Leinwand, effektsicher und schwarzhumorig wie stets und mit einer großartig kühn zusammengewürfelten Besetzung. Insgesamt wirkt der Film indes leicht aufgebläht: An sein Meisterwerk „Höhere Gewalt“ reicht dieses „Dreieck“ also nicht ganz heran.

Startseite