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Kinotipp

„Alcarràs – Die letzte Ernte”: Melancholischer Berlinale-Gewinner

Münster

Seit vielen Jahrzehnten kümmert sich die Bauernfamilie Solé um eine Pfirsichplantage im katalanischen Hinterland – doch dann müssen sie gehen. Nah an der Realität fängt der Film die allzu verschiedenen und doch allesamt menschlichen Reaktionen ein.

Von Gian-Philip Andreas

Die Solés arbeiten auf ihrer Pfirsichplantage. Foto: Piffl Medien/dpa

Er lief erst zum Schluss des Berlinale-Wettbewerbs, alle konnten sich sofort auf ihn einigen. Carla Simóns zweiter Spielfilm „Alcarràs“ gewann am nächsten Tag folgerichtig den Goldenen Bären. Denn so locker und ungezwungen, fast impressionistisch, hat schon lange kein Film mehr vom (Struktur-)Wandel der Zeiten erzählt, von den sozialen und ökonomischen Folgen des Fortschritts auf verschiedene Generationen, durchbuchstabiert am Beispiel einer katalanischen Bauernfamilie.

Die Solés bewirtschaften seit Jahrzehnten eine Pfirsichplantage nahe des Dorfes Alcarràs, zwischen Saragossa und Barcelona gelegen. Die Pacht hatten sie einst zum Dank erhalten, nachdem sie die Landbesitzerfamilie Pinyol während des Bürgerkriegs versteckten. Gerichtsfeste Dokumente hat es allerdings nie gegeben, und nun gibt der Sohn der Pinyols das Land als Solarfarm frei – die Solés müssen gehen. Ihre Pfirsichbäume sollen gefällt werden wie Tschechows Kirschgarten.

"Alcarràs" verkörpert Realität, ohne tragisch zu werden

Simón, die die Kinos schon 2018 mit ihrem Jugenddrama „Fridas Sommer“ zum Leuchten brachte, erzählt von diesem Verdrängungsprozess nicht als Tragödie, sondern als multiperspektivische, leise melancholische Sommergeschichte, in der der ältere Sohn Hanfplantagen anlegt, der Vater wütend demonstriert, der Bruder sich lieber arrangiert und die Kinder spielend durch die Gegend toben. Verzweiflungspathos kommt dabei nie auf, schon allein, weil Simón alle Rollen mit Laiendarstellern aus Katalonien besetzte, die die Umverteilungsprozesse der Region bestens kennen. Sehenswert.

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