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„Ennio Morricone – Der Maestro“: Großartig

Ein Konzert für das Kino

Meisterhafter Dokumentarfilm von Giuseppe Tornatore („Cinema Paradiso“), der den Komponisten, Dirigenten und Arrangeur Ennio Morricone über seinen Werdegang, seine Arbeit und seine musikalischen Prinzipien als innovativer Künstler reden lässt. Ein erkenntnisreicher Hochgenuss für Film- und Musikfreunde.

Von Hans Gerhold

In seiner Wohnung dirigiert Ennio Morricone ein imaginäres Orchester. Foto: Plaion Pictures

Wer den Komponisten, Dirigenten und Arrangeur Ennio Morricone auf Italo-Western von „Für eine Handvoll Dollar“ bis „Spiel mir das Lied vom Tod“ reduziert, verkennt, dass der Schöpfer von über 500 Filmmusiken und rund 100 klassischen Kompositionen die Musikwelt des Films um unendlich mehr bereichert hat und vielleicht der innovativste Klangschöpfer dieser Art Musik ist.

Der von seinem Freund und Regisseur Giuseppe Tornatore („Cinema Paradiso“) inszenierte und geschriebene meisterhafte Dokumentarfilm „Il Maestro“ entstand kurz vor Morricones Tod 2020 und bietet Gelegenheit, den öffentlichkeitsscheuen Künstler ausführlich über seine Arbeit reden zu hören. Ein erkenntnisreicher Hochgenuss des mit Filmszenen und Aussagen von Zeitzeugen unterlegten Films liegt in Morricones Erläuterungen kompositorischer Prinzipien (Kontrapunkt, Fuge) und seiner Arbeit als studierter Musiker („Ich trage alle meine Vorgänger in mir.“).

Die Arrangements aus der Schlagerzeit in Morricones Anfängen werden erläutert, und man lernt, wie er verschränkte Themen und gegenläufige Melodien schafft („Der Clan der Sizilianer“). Seine Experimentierfreudigkeit in der Neuen Musik des 20. und 21. Jahrhunderts gipfelt auch in der Einbettung von Alltagsgeräuschen und dem Kojoten-Schrei, vom humorvollen Meister selbst vorgetragen.

Tornatore geht dem Werdegang Morricones nach, streift Dispute mit Lehrern wie Goffredo Petrassi und entlockt dem Maestro Gedanken über Schuld und Rache. Von Anfang an, als Morricone in der römischen Stadtwohnung Turnübungen vollzieht und ein imaginäres Konzert dirigiert (dessen Melodie wir hören), schafft Tornatore eine kontinuierlich den Film durchdringende wunderbare Atmosphäre eines Konzerts fürs Kino.

Dass Filmmusik eine vollwertige Gattung der zeitgenössischen Musik ist, hat sie Morricone zu verdanken, dessen Werke in den 60ern auch „Kulturschock“ und revolutionär waren. Dass Hollywood ihn viel zu spät mit Oscars auszeichnete, ist ein Hohn – für Hollywood. Tornatores Würdigung ist die wahre Ehre. Addio Maestro! Herausragend.

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