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„Vor uns das Meer“: Colin Firth segelt

Einmal allein um den Erdball

In England kennt die Story jeder. Es gibt Romane, Theaterstücke, sogar einen Gedichtband über diesen Mann: Donald Crowhurst, Familienvater aus dem britischen Somerset, geriet 1968 mit seinem Elektrohandel in finanzielle Schieflage und entschloss sich dazu, an der „Golden Globe“-Regatta für Einhandsegler teilzunehmen, um sich mit dem Preisgeld zu sanieren. Allein einmal um die Welt: Dafür verpfändete er, der keine ausgeprägte Segelerfahrung besaß, Firma und Eigenheim. Er baute seinen Trimaran selbst, stach mit dem halbfertigen Ergebnis in See – und kam nie an. Das Boot wurde mitten im Atlantik gefunden. Leer.

Gian-Philip Andreas

Der Abschied naht: Crowhurst mit Gattin (Colin Firth und Rachel Weisz). Foto: Studiocanal

Die Logbücher weisen darauf hin, dass Crowhurst während der Fahrt Nervenzusammenbrüche erlitt, gefälschte Positionen übermittelte, unerlaubte Landgänge unternahm und am Ende, als er zu gewinnen und als Betrüger aufzufliegen drohte, offenbar in den Wahnsinn abglitt. Man vermutet heute, dass er sich das Leben nahm.

Regisseur James Marsh („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) spielt diese Aspekte, die aus einer klassischen Heldengeschichte die Tragödie eines Hasardeurs machen, in seiner Verfilmung ein bisschen herunter. Eine Spur zu kantenlos ist ihm der Hybrid aus Familiendrama und Abenteuerfilm geraten, vor allem in den Szenen aus der Heimat, in denen der zu PR-Zwecken angeheuerte Reporter Hallworth (David Thewlis, „Nackt“) nach Stories giert, während die treue Gattin (unterfordert: Rachel Weisz) bangt und hofft und nie größere Zweifel anmeldet an Crowhursts rücksichtslosem Abenteuer.

Stark ist der Film aber in den Szenen auf hoher See, als One-Man-Show von Colin Firth. Der Oscarpreisträger (zwanzig Jahre älter als Crowhurst damals) spielt dabei das ganze Register zwischen Euphorie und Wahn, Panik und Scham herunter. Lange war er nicht mehr so gut wie hier: der mittelalte Mann und das Meer.

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