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„Die Zeit, die wir teilen“: Bewegend

Es hätte alles anders kommen können

Filmregisseure können sich an Isabelle Hupperts Patentrolle als superkontrollierte Erfolgsfrau wohl nie sattsehen. In der neuesten Variation dieser Rolle schwebt der französische Star nun durch dieses impressionistische Erinnerungsmelodram, in dem sie sich mit früheren Lebensentscheidungen, diversen Schicksalen und (in der Gegenwart) Lars Eidinger als Krawallschriftsteller auseinandersetzen muss.

Von Gian-Philip Andreas

Die französisch-irische Verlegerin Joan (Isabelle Huppert) ist ihrem deutschen Bewunderer (Lars Eidinger) in allen Belangen überlegen. Foto: Gifted Films West et Blinder Films

Es braucht nur eine kurze Begegnung mit ihrer Jugendliebe, schon kommen alle Erinnerungen wieder hoch. Joan, erfolgreiche Verlegerin, über sechzig, zieht sich in ihr Landhaus zurück und geht alles noch mal durch: wie sie als Teenagerin in Dublin den Kleinganoven Doug kennenlernte und schwanger wurde von ihm, wie sie von ihren Eltern zurückgeholt wurde und das Kind allein großzog. Doug hat sie nie davon erzählt.

Von der Kontingenz der Lebenswege quer durch Liebe, Verlust, Trauer und verpasste Chancen erzählt der hauptamtliche Theaterregisseur Laurent Larivière in seinem zweiten Kinofilm, in luftig-leichten, oft fast schwebend ineinandergleitenden Erinnerungsepisoden. Doug, erfährt Joan, hat sich nach der Jugendepisode mit ihr für eine Familie entschieden und scheint damit glücklich, bei Joan haben sich Lieben und Tragödien abgewechselt. Das schwierige Verhältnis zum Sohn etwa, oder die Mutter, die damals an der Seite ihres Karatelehrers nach Japan entschwand – oder doch nicht? Joans Erinnerungen sind nicht verlässlich, und die Fantasy-Sexszene mit einem Oktopus hat schon auf der Berlinale im Februar für Gesprächsstoff gesorgt. Sie ist allerdings untypisch für dieses ansonsten sanft inszenierte Charakterdrama, das immer wieder die Stimmungen wechselt, mal ins Melodramatische, mal ins Komödiantische überlappt. Isabelle Huppert variiert ein weiteres Mal ihre Paraderolle als kontrollierte Erfolgsfrau, unter deren starrer Oberfläche es maximal rumort. Sie ist der Anker des Films und steht seinen zwei Makeln entgegen: Lars Eidinger, der als von Joan besessener deutscher Schriftsteller eine bisweilen schlimme Karikatur abliefert, und dem schlaffen Finale, das in seiner Überkonkretheit dem Rest des Films entgegensteht.

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