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Neu im Kino: „Holy Spider”

Grimmiger Thriller über Mordserie an Frauen im Iran

Ein Thrillerdrama über den wahren Fall des Serienmörders Saeed Hanaei, der in der iranischen Stadt Maschhad 16 Prostituierte erwürgte. Hauptdarstellerin Zar Amir Ebrahimi bekam letztes Jahr in Cannes den Preis als Beste Schauspielerin.

Von Gian-Philip Andreas

Ein todbringender Blick durchs Netz: Familienvater Saeed (Mehdi Bajestani) will sein Land „säubern” und hat dafür das nächste weibliche Opfer im Blick Foto: Alamode Film/dpa

Zu Beginn der Nullerjahre trieb in der iranischen Millionenstadt Maschhad ein Serienkiller sein Unwesen. Der Täter, den die Medien damals den „Spinnenmörder“ nannten, weil er seine Opfer, ausschließlich Prostituierte, ins tödliche Netz lockte wie eine Spinne, wurde erst gefasst, als schon 16 Frauen tot waren. Maschhad ist eine der sieben heiligen Stätten des schiitischen Islams, und auch der Mörder soll regelmäßig an der größten Attraktion der Stadt gebetet haben: am Schrein des Imams Reza. Nach seiner Ergreifung wurde der Familie des Killers mehr Unterstützung zuteil als den Angehörigen der Frauen.

Mit viel Wut im Bauch hat Ali Abbasi nun einen Film gedreht, der der wahren Geschichte eine fiktive Erzählung überstülpt. Der in Dänemark lebende Exil-Iraner („Border“) geht multiper­spektivisch an die Jack-the-Ripper-Thematik heran, mit eindeutigen Thriller-Elementen, aber ganz anderer Schwerpunktsetzung: Zen­tral geht es ihm um die Misogynie und Unterdrückung, die Frauen in einem patriarchalisch organisierten Gottesstaat wie dem Iran bis heute erfahren. Angesichts der seit September andauernden Proteste iranischer Frauen ist „Holy Spider“ so etwas wie ein Film der Stunde.

Männliche Widerstände und sexuelle Grenzüberschreitung

Seine Protagonistin ist die Journalistin Arezoo, die aus Teheran nach Maschhad reist, um zu der Mordserie zu recherchieren. Überall trifft sie auf männliche Widerstände und sexuelle Grenzüberschreitung: im Hotel, bei der Polizei, in der Justiz. Parallel erzählt wird vom Leben des Mörders (Mehdi Bajestani), einem freundlichen Familienvater und Veteranen des Ersten Golfkriegs, der sich selbst als Dschihadist im Krieg gegen den „Schmutz“ in seinem Heimatland betrachtet – für selbigen macht er im treuen Einklang mit den Mullahs die Prostituierten verantwortlich und nicht etwa jene, die deren Dienste prügelnd und misshandelnd in Anspruch nehmen.

Vielleicht wäre Abbasis in Jordanien gedrehter Film noch stärker geworden, wenn die Sex- und Gewaltszenen etwas weniger sensationalistisch inszeniert wären; beklemmend und aufrüttelnd ist er dennoch, was vor allem an der grandiosen Hauptdarstellerin Zar Amir Ebrahimi liegt, die in Cannes als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Übrigens: Sima Seyed, die im Film mitspielt und auch als Dialogcoach fungierte, wird die hochinteressante Produktion am heutigen Freitag um 19 Uhr persönlich in Münster vorstellen.

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