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„Der Rausch”: Tragikomische Alkohol-Experimente mit Mads Mikkelsen

Gut eingepegelt am Lehrerpult

Der diesjährige Gewinner des Auslands-Oscars erzählt von vier dänischen Lehrern, die in der Midlife-Krise beschließen, nur noch angeschickert durchs Leben zu gehen – und daraus zunächst große Vorteile ziehen. Mit einem großartigen Mads Mikkelsen in der Hauptrolle macht diese unverkrampfte Tragikomödie mehr Spaß als vermutet.

Von Gian-Philip Andreas

Lehrer Martin (Mads Mikkelsen) unterrichtet wie im Rausch. Das ist kein Zufall ... Foto: Weltkino

Winston Churchill, so heißt es, hat es nur im Zustand permanenten Schwipses durch den Zweiten Weltkrieg geschafft, und von Ernest Hemingway hält sich die Fama, seine besten Romane habe er im Suff geschrieben. Auf Beispiele wie diese gründete der norwegische Psychiater Finn Skårderud seine Theorie, dass der Mensch mit einer um ein halbes Promille zu niedrigen Blutalkoholkonzentration geboren werde und daher sein kreatives Potenzial selten voll ausschöpfen könne.

Vier Freunde in Kopenhagen machen sich daran, diese Theorie am eigenen Exempel zu überprüfen – denn sie haben einen Frischekick bitter nötig. Martin (verlässlich gut: Mads Mikkelsen), Tommy, Nikolaj und Peter sind Gymnasiallehrer, irgendwo zwischen vierzig und Ende fünfzig, in beruflichen Motivationskrisen und partnerschaftlichen Sackgassen gelandet. Martins Schüler berufen schon Konferenzen ein, weil ihr Lehrer so erratisch unterrichtet, dass sie um ihr Abitur fürchten.

Dauerhaft eingepegelt auf 0,5 Promille sieht die Welt für sie dann ganz anders aus. Mit neuer Energie, verwegenen Ideen, Mut zur Albernheit und Regelüberschreitung werden Schulalltag und Freizeit zum Abenteuer, das Regisseur Thomas Vinterberg so mitreißend inszeniert, dass der Funke sofort aufs Publikum überspringt. Könnte Skårderud Recht haben? Klar, aus dem Glück an der wiedergefundenen Lebensfreude erwächst der Drang zu größeren Exzessen, und aus denen werden nicht alle Freunde heil herausfinden. Doch das Lebensförderliche des Rausches redet der Film nicht klein.

Es gibt hier kein verkniffenes Problemdrama zu sehen und keine didaktische Warnung vor den Gefahren des Drogenkonsums – vielmehr das Protokoll eines aus dem Ruder laufenden Experiments mit selbst aufgestellten Regeln (mit denen sich Ex-Dogma-Regisseur Vinterberg ja auskennt), dessen sozialer Hintergrund einer vom Berufsleben bis zum Komasaufen der Abiturientia omnipräsenten Trinkkultur nicht ausgespart wird. „Der Rausch“, mit dem Oscar als bester internationaler Film geehrt, funktioniert dabei als Komödie ebenso wie als Midlife-Krisen-Drama, und neben der effektsicheren Regie überzeugt vor allem das Darstellerquartett um Mads Mikkelsen und Thomas Bo Larsen (Tommy), der neben Mikkelsen auch in Vinterbergs „Die Jagd“ zu sehen war. Sehenswert.

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