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„Annette“

Lebloses Avantgarde-Musical

Avantgarde-Musical um einen depressiven Komiker, eine gefeierte Opernsängerin und ihrer Holzpuppen-Tochter Annette. Toll gespielt, mit super Musik und wegen fehlender poetischer Bilder, die haften bleiben könnten, leblos wie eine Marionette.

Von Hans Gerhold

Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) will ihre Liebe retten. Foto: UGC

Wer von Film-Musicals schöne Freudenwelt mit Seelentrost bei Gesang und Gemütspflaster mit süßen Bildern erwartet, sei auf der Hut. In der neuen Arbeit von Frankreichs Regie-Enfant-terrible Léos Carax („Die Liebenden von Pont Neuf“) quillt Düsternis aus allen Räumen, hocken Dämonen im Gehirn der männlichen Hauptfigur – und ein Happy-End gibt es nicht.

Apropos Hauptfigur. Die ist neben dem von Adam Driver verkörperten depressiven Stand-up-Comedian Henry seine mit der gefeierten Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) gezeugte titelgebende Tochter „Annette“, die als Holzpuppe mit Marionettenarmen zur Welt kommt. Henry und Ann leben sich auseinander und wollen ihre einst große Liebe während einer Kreuzfahrt mit Yacht retten, doch ein Hurrikan beendet zur Halbzeit den Traum.

Der Rest ist tragischer als jeder Operntod, den Ann täglich auf der Bühne stirbt. Und so gleicht der schwungvoll im Studio begonnene und mit dem Anziehen der Kostüme fortgesetzte Film einer Fahrt in den Abgrund. Henry rast mit dem Motorrad wie alle Carax-Helden („Holy Motors“) zu den Vorstellungen, wo er das Publikum düpiert: ein dunkler Ritter wie aus einer bekannten Sternensage.

Adam Driver verkörpert ihn als Mann, der alle hasst, am meisten sich selbst, was Carax schon in „Pola X“ durchexerziert hat. Marion Cotillard, gern in verstörenden Filmen wie „Der Geschmack von Rost und Knochen“ zu sehen, übernimmt den Part der Zarten, die mit dem Harten an den Armen von Annette zerrt, die als Puppe ein #metoo-Geschöpf männlicher Fantasie ist und kein Wesen aus Fleisch und Blut. So ist das eigentliche Thema des Films Herzlosigkeit in Zeiten von Medientrubel, Krankheit und Wahnsinn.

Da hilft auch der bittersüße Glam-Rock-Score von The Sparks nicht, die mit Carax das Drehbuch des in englischer Sprache in Los Angeles gedrehten Film-Musicals schrieben. Toll gespielt, super Musik, aber der Chefpoet des französischen Films schafft diesmal eines nicht: poetische und überwältigende Bilder, die haften bleiben könnten. Am Ende ist das Avantgarde-Werk nur eine leblose Holzpuppe. Schade.

                                

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