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„Schmetterlinge im Ohr“: Durchdachte Tragikomödie

Hören mit Hindernissen

Ein Geschichtslehrer versucht widerstrebend, mit seiner Schwerhörigkeit umzugehen. Durchdachte subtile Tragikomödie über das Hören mit Hindernissen, die samt einer geschickt eingebauten Liebesgeschichte viel über Einsamkeit, Selbsterkenntnis, Gefühle und die bürgerliche Kultur Frankreichs erzählt.

Von Hans Gerhold

Landschaftsgärtnerin Claire (Sandrine Kiberlain) und Lehrer Antoine (Pascal Elbé) hören das Meer rauschen. Foto: Julien Panié/Jerico films/Perefilms

Aus der Fülle französischer Wohlfühlfilme, die man sofort wieder vergisst, hebt sich die durchdachte, erwachsene und subtile Tragikomödie „Schmetterlinge im Ohr“ wohltuend ab. Basierend auf eigenen Erfahrungen hat Regisseur und Autor Pascal Elbé über das Hören mit Hindernissen ein angenehm entspanntes, lebensnahes Stück Kino geschaffen, das nie peinlich oder albern ist, sondern aus Schwerhörigkeit und Taubheit Erkenntnis gewinnt.

Elbé war gut beraten, sich selbst als Hauptdarsteller zu inszenieren, so vermeidet er Klamauk oder Groteske, die etwa bei Louis de Funès selig oder Christian „Monsieur Claude“ Clavier das Thema vielleicht verniedlicht hätten. Elbé lebt als Geschichtslehrer Antoine Serrano in Paris, ist Witwer und seit Jahren schwerhörig, ohne dass er es sich eingesteht, was zu Streit mit der Nachbarin, vergeigten Rendezvous und Rebellion bei den Schülern führt, deren Stundenplan er verwechselt.

Die Nachbarin, die nicht schlafen kann, weil Antoines Wecker zu laut ist und nie abgestellt wird, ist Landschaftsgärtnerin Claire (wunderbar widerspenstig und zögerlich: Sandrine Kiberlain), deren Mann beim Autounfall starb, weshalb Tochter Violette (Manon Lemoine) seit einem Jahr nicht mehr spricht. Wie das ausgeht, ist klar, spielt aber keine Rolle, weil es nicht ums dramaturgisch notwendige Ende dieser Art Filme geht, sondern um die Umwege zum neuen Leben.

So will Antoine die Behinderung vertuschen, aber als er ein Hörgerät akzeptiert, geht er so zögerlich damit um, dass neue Missverständnisse entstehen, Kollegen ihn für rassistisch halten, er es wieder bei den Schülern verpatzt und das erste Date mit Claire ein Desaster wird. Elbés Film erzählt viel über Einsamkeit, Selbsterkenntnis, Gefühle und die bürgerliche Kultur Frankreichs, mit einer kleinen Hilfestellung von Goya und La Traviata.

Hervorzuheben sind das Tondesign, präzise Dialoge, exquisite Nebendarsteller (Francois Berléand als Freund und Kollege Francis, Emmanuelle Devos als Antoines Schwester) und das lakonische Ende am Meer in der Normandie bei Deauville. Sehenswert.

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