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„Glück auf einer Skala von 1 bis 10“: Gefälliges Roadmovie

Im Leichenwagen nach Montpellier

Gegensätzliche Männer, die sich aneinander annähern, sind nicht erst seit „Ziemlich beste Freunde” oder „Dialog mit meinem Gärtner” ein Dauerbrenner des französischen Kinos – diese Tragikomödie mit dem körperlich behinderten Schweizer Philosophen Alexandre Jollien in der Hauptrolle fügt dem Genre die nächste Variante hinzu. Der Clou: Das um Leben, Tod, Sinn und Glück kreisende Roadmovie findet im Leichenwagen statt.

Von Gian-Philip Andreas

Bestattungsunternehmer trifft Gemüselieferant: Für Louis (Bernard Campan Foto: X Verleih

Louis (Bernard Campan, „Alles kein Problem!“) ist ein pragmatischer Mann um die sechzig, sein Bestattungsunternehmen im schweizerischen Lausanne hat er im Griff. Als er den Sarg eines Kunden ins südfranzösische Montpellier überführen will, kommt es zu einer schicksalsträchtigen Begegnung: Sein Leichenwagen prallt mit dem Fahrrad des dauerphilosophierenden Gemüselieferanten Igor (Alexandre Jollien) zusammen. Schlimmeres passiert dem Mittvierziger mit cere­braler Bewegungsstörung bei diesem Unfall zum Glück nicht, weshalb Louis das Ganze nach einem Anstandsbesuch im Spital eigentlich gern vergessen würde. Doch Igor versteckt sich im Kofferraum des Leichenwagens – es ist der Anfang einer ziemlich besten Freundschaft.

Die beiden Hauptdarsteller dieses alltagsweisen Roadmovies sind auch im echten Leben befreundet, zunächst war eine Doku über Jollien geplant, der es trotz einer „infantilen Zerebralparese“, die sich in spastischer Motorik äußert, zu einem vielfach publizierten Philosophen gebracht hat. In gemeinschaftlicher Regie entstand dann aber doch ein Spielfilm, der vieles richtig macht: Auf Kitsch und Kalenderspruch-Gefühligkeit wird dankenswerterweise verzichtet, weder geht es den Machern um billige Pointen, noch haben sie einen Themenfilm rund um körperliche Behinderung im Sinn.

Plotmäßig läuft dagegen vieles nach Schema F: Die Annäherung der beiden gegensätzlichen Männer erfolgt plangemäß, wie bei so vielen Reisefilmen ist der Weg das Ziel und das Ziel das Meer, eine freundliche Prostituierte führt den Nietzsche und Seneca zitierenden Igor in die Praxis der Liebe ein. Sonderlich Überraschendes geschieht auf dieser Reise im Leichenwagen nicht, doch der leise, am Ende bewegende Gestus hebt den Film über den Durchschnitt französischer Feelgood-Komödien hinaus.

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