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„Encanto”: Disneys neuester Trickfilm ist ein zauberhaftes Märchen

Im Licht der magischen Kerze

Der insgesamt 60. Disney-Animationsfilm stammt von den Machern des Megahits „Zoomania”. Die übliche Story von der Selbstfindung einer Teenagerheldin ist diesmal in der lateinamerikanischen Kultur verankert – erzählt wird’s als winterlich wärmendes Märchen mit viel Magie.

Von Gian-Philip Andreas

Mirabel Madrigal lebt in einer magischen Familie, hat aber keine Superkräfte. Das muss aber kein Nachteil sein! Foto: Disney/Disney/dpa

Keine gute Geschichte ohne jemanden, der nicht ins Schema passt: Mirabel Madrigal ist zwar eine herzensgute, energische, nur leicht neben der Spur durchs Leben tanzende junge Frau, dennoch haftet ihr ein Makel an – sie ist normal. Denn als Einzige in ihrer kolumbianischen Familie fiel ihr als Kind keine magische Superkraft zu.

So kann sie, die Protagonistin dieses 60. Disney-Animationsabenteuers, ihre Enttäuschung nicht immer gut verbergen, wenn sie die Künste ihrer Verwandtschaft mit ansieht. Da ist ihre bezaubernde Schwester Isabela, die überall Blumen sprießen lassen kann, die andere Schwester Luisa, die stark ist wie ein Bär, die über Heilkochkünste verfügende Mutter, die Cousine, die alles hören kann und jeden Klatsch weiterträgt, der mit Tieren sprechende Lieblingsneffe.

Die Madrigal-Sippe lebt in einem sogenannten „Encanto”, einem von einer magischen Kerze erleuchteten Haus am Rande eines kolumbianischen Bergdorfs, dessen dramatische Vorgeschichte die matriarchal über alles wachende „abuela” (Großmutter) Alma eingangs erzählt – und dessen nur scheinbare Perfektion allmählich buchstäblich gefährliche Risse bekommt. Könnte es sein, dass ausgerechnet Mirabel, das Mädchen ohne Talente, die Familie retten muss?

Perfekt für die Vorweihnachtszeit und mit bewährt-beschwingter Seelenwärmerroutine setzt Disney mit „Encanto” seine Erkundungsfahrten in diversere Regionen fort, denen die Em­powerment-Botschaften nach altbekannter Manier unbekümmert übergestülpt werden. Nach der polynesischen Südseesause „Vaiana” (2016) und dem von südostasiatischer Mythologie inspirierten „Raya und der letzte Drache”, der bei uns im Frühjahr Corona-bedingt nicht ins Kino kam und direkt auf dem hauseigenen Streamingdienst landete, wird diesmal ein Loblied auf die Latino-Großfamilie gesungen und das Besinnen auf die eigenen Stärken gefeiert, gerade wenn es so scheint, als gebe es diese nicht.

Im Original wird die Selbstverpflichtung zu mehr Repräsentation ernst genommen, zu hören sind nur Sprecher mit (mindestens) lateinamerikanischem Hintergrund, von Stephanie Beatriz („Brooklyn Nine-Nine”) in der Hauptrolle bis hin zu John Leguizamo („Moulin Rouge”) – in der deutschen Fassung ist immerhin der halbspanische Popsänger Alvaro Soler mit von der Partie. Die von Hollywoods momentanem Lieblings-Musicalmacher Lin-Manuel Miranda („Hamilton”) geschriebenen Songs gehen sofort ins Ohr, während die Regisseure Jared Bush und Byron Howard („Zoomania”) zusammen mit Kollegin Charise Castro Smith Tempo, Witz (und, ja, Kitsch) bestens austarieren. Der Advent kann kommen. Sehenswert.

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