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„Wunderschön”: Karoline Herfurths neue Komödie attackiert den Perfektionszwang

Kein Problem mit Dehnungsstreifen

Karoline Herfurth hat sich in den letzten Jahren zur erfolgreichsten Komödienproduzentin Deutschlands gemausert. Ihre dritte, top besetzte Regiearbeit kümmert sich nun auf unterhaltsame Weise um ein ernstes Thema: den Stress und die Sorgen, die es vor allem Frauen bereitet, sich an absurden Schönheitsidealen orientieren zu müssen.

Von Gian-Philip Andreas

Sonja (Karoline Herfurth) ist nach der Geburt des zweiten Kindes ermattet. Foto: dpa

Nur normal auszusehen, das gilt in Zeiten zurechtpolierter Instagram-Accounts als Nachweis einer sträflichen Nachlässigkeit. Denn Schönheit, verspricht das Selbstoptimierungsdiktat des Spätkapitalismus, die kann man sich erarbeiten, durch Fleiß, Verzicht und permanente Investition in den eigenen Körper. Wer die falschen Gene hat oder dem eigenen Körper so unschöne Dinge wie Arbeit, Schwangerschaften oder gar das Altern zumutet, für den zünden die dauerlächelnden Influencer des Antifaltengewerbes ein Teelicht an.

Dem Dauerdruck des Optimierungswahns widmet Karoline Herfurth ihren neuen Kinofilm. Im Tonfall hält sich die Schauspielerin und Regisseurin dabei an ihre Erfolgskomödien „SMS für dich“ und „Sweethearts“, thematisch geht es diesmal tiefer – wenn auch nie so tief, dass es wirklich wehtun könnte. Eine Komödie bleibt es, trotz Abstechern ins Tragische.

Am Beispiel von fünf Frauen dekliniert sie die Überforderungsstufen in den Problemzonen der nur normal Aussehenden durch. Sie selbst spielt Sonja, die nach dem zweiten Kind raus ist aus dem Beruf und ermattet auf ihre Schwangerschaftsstreifen blickt. Frauke (Martina Gedeck) wird von ihrem frisch verrenteten Ehemann (Joachim Król) nicht nur sexuell nicht mehr wahrgenommen. Julie (Emilia Schüle) will Model werden, schindet ihren Körper und ist dennoch nie dünn genug. Und Teenager Leyla (Dilara Aylin Ziem) hat Übergewicht.

Dann ist da noch Vicky, gespielt von (Selbst-)Ironikerin Nora Tschirner. Als Kunstlehrerin rät sie ihren Schülern, ihr Selbstbild nicht vom Körper abhängig zu machen, der an die Fantasieoptik der Werbewelt ohnehin nie heranreichen kann. „Body Positivity“ lautet das Stichwort in diesem Film, in dem sich die Beziehungen der Frauen zueinander erst allmählich offenbaren.

Ein dröges Thesenstück ist „Wunderschön“ zum Glück nie. Herfurth liefert perfekt gemachten Wohlfühl-Feminismus, gut geöltes Entertainment mit clever austarierten Anteilen von Slapstick, Cringe-Humor und Gefühl, dessen aufbauende Sei-du-selbst-Botschaft einzig dadurch aus dem Takt gebracht werden könnte, dass die gewöhnlich Aussehenden hier von ungewöhnlich gut Aussehenden gespielt werden. Hoffentlich kommen tatsächlich gewöhnlich Aussehende damit klar.

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