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„Martin Eden“: Jack Londons Lebensweg

Klassenkämpfer und Schreibwolf

Das Scheitern von Schriftsteller und Klassenkämpfer Jack London in einer sehenswerten zeitlosen Geschichte, die die Handlung aus den USA nach Neapel verlegt und dem Individualismus eine Absage erteilt.

Von Hans Gerhold

Der proletarische Martin Eden (Luca Marinelli) ist von der kultivierten Elena (Jessica Cressy) ganz schön fasziniert. Foto: Shellac Distribution

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as Leben des durch Romane wie „Wolfsblut“ und „Der Seewolf“ bekannten Schriftstellers Jack London (1876-1916) ist mindestens so spannend wie seine Abenteuergeschichten. Im Roman „Martin Eden“ (1909), der als sein Hauptwerk gilt, hat er wenig verschlüsselt vom eigenen Leben erzählt und eine klare Botschaft formuliert: Der Individualismus zerstört sich selbst und wird die Gesellschaft zerstören, wenn es keine soziale Gegenseitigkeit gibt.

Der Gedanke ist hochaktuell, und so ist es auch akzeptabel, dass die italienisch-deutsche Produktion „Martin Eden“ die Geschichte des Titelhelden von Oakland nach Neapel verlegt hat. Es klappt, zumal Martin Eden (eindrucksvoll: Luca Marinelli, Darstellerpreis in Venedig) Konflikte durchlebt, die universell sind und sein Streben nach einer besseren Welt erklären.

Der proletarische Martin will, durch Liebe zur kultivierten Elena (Jessica Cressy) beflügelt, in die Bourgeoisie aufsteigen, eignet sich für den sozialen Aufstieg Bildung an, wird Schriftsteller und erlebt Arroganz, Gleichgültigkeit, Hochmut und Gemeinheit. Er schließt sich als Klassenkämpfer der Sozialistischen Partei an, sieht in Regierung, Geschäftswelt, Gewerkschaft und der eigenen Partei genau die Kleinkrämerei und Mittelmäßigkeit, die die Gesellschaft unterminieren. Selbst die Liebe zur letztlich oberflächlichen Schönen wird zur Qual.

Wie Martin Eden als willensstarker Individualist und als Schreibwolf des frühen 20. Jahrhunderts scheitert, hat Regisseur Pietro Marcello in atmosphärisch stimmigen körnigen und viragierten Aufnahmen als filmischen Entwicklungsroman inszeniert, der gut länger hätte dauern dürfen. Ein Meilenstein wie Bernardo Bertoluccis Epos „1900 – Novecento“ ist es nicht geworden, aber ein starkes Stück zeitloses Kino. Sehenswert.

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