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„Wie im echten Leben“: Enttäuschendes Sozialdrama

Knochenarbeit mit Putzkolonne

Eine Journalistin arbeitet unter falscher Identität bei einer Putzkolonne in der Normandie und gerät durch das Doppelleben in Schwierigkeiten. Adaption eines engagierten Sozialberichts, als Drama über weibliche Solidarität,angelegt, flach erzählt und in der Hauptrolle mit Juliette Binoche fehlbesetzt.

Von Hans Gerhold

Juliette Binoche schrubbt schön. Foto: Neue Visionen Filmverleih

Da schleicht sich Journalistin Florence Aubenas im Hafenstädtchen Quistreham im Département Calvados in der Normandie unter falscher Identität in eine Putzkolonne ein und landet mit dem Buch über die Knochenarbeit der „Unsichtbaren“ einen Bestseller. Sechs Jahre später wird „Auf den Quais von Quistreham“ von Autor Emmanuel Carrère umgeschrieben und als Spielfilmdebüt „Quistreham“ (deutscher Klischee-Titel „Wie im echten Leben“) inszeniert.

Nicht aufregend eigentlich, aber zwischen dem Sachbericht und dem Film klaffen Welten. Die respektierte Madame Aubenas, die sechs Jahre undercover recherchierte, schildert reportagehaft die Welt der Arbeitslosen, Arbeitsuchenden und jeden Job annehmenden Männer und Frauen und ihre soziale Verelendung. Im Film heißt Aubenas Marianne Winckler und wird von Sympathieträgerin und Lancôme-Repräsentantin Binoche verkörpert.

Es gibt weitere Veränderungen. Der Plot konzen­triert sich nur auf Frauen, auf das Doppelleben von Marianne, ihre Freundschaft zur allein erziehenden Mutter von drei Kindern Christèle (Hélène Lambert) und die Solidarität der Putzkolonne, die auf der Fähre nach England arbeitet. Als Mariannes Identität aufgedeckt wird, kriselt es, aber es gibt wohl nichts, was durch einen guten Calvados nicht zu beheben wäre. So wird aus dem engagierten Sozialbericht ein unverbindliches Drama, das flach dahertorkelt, sein Potenzial verschenkt und nicht mal eine gute Story erzählt.

In Hinblick auf Binoche ist die Frage, ob sie, indem sie Toiletten schrubbt, eine bessere Schauspielerin wird. Der bessere Film über Solidarität und ihr Verschwinden ist immer noch „Zwei Tage, eine Nacht“ der Brüder Dardennne mit Marion Cotillard. Und wer einen deutschen Film sucht, wird – na klar – fündig beim hochaktuellen Klassiker „Angst essen Seele auf“ von Rainer Werner Fassbinder mit Brigitte Mira, deren Putzfrau keinen Calvados braucht. Verschenkt und enttäuschend.

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