1. www.wn.de
  2. >
  3. Welt
  4. >
  5. Kino-kritik
  6. >
  7. „Licorice Pizza”: Ein Sommer in den Siebzigern

  8. >

Ein Sommer in den Siebzigern

„Licorice Pizza”: Bezaubernde Liebesgeschichte von Paul Thomas Anderson

Paul Thomas Anderson ist der Mann für die besonderen US-Filme. In seinem neuesten Streich schickt er einen Teenager und eine Mittzwanzigerin in eine herrlich unangestrengt vor sich hinmäandernde Romanze, angesiedelt im Los Angeles des Jahres 1973.

Von Gian-Philip Andreas

Die junge Alana (Alana Haim) im flotten Flitzer des Hollywood-Haudegens (Sean Penn). Foto: Universal

Wie Lakritzpizza schmeckt, darüber gibt dieser wunderbare Film keine Auskunft, aber klingt der Titel nicht trotzdem cool? In Paul Thomas Andersons neuem Film geht es nicht um absurd belegte Hefeteigfladen, sondern um die fluide Grenze zwischen Freundschaft und Liebe am Beispiel zweier unterschiedlich junger Menschen, dargeboten als eine Art „Best of“ aus Andersons bisherigem Werk: Das Episodische von „Magnolia“ kommt wieder vor, die Sinnlichkeit aus „Der seidene Faden“, vor allem aber die leicht ins Off gerückte Siebzigerjahre-Sommerlichkeit aus „Inherent Vice“ oder „Boogie Nights“. Den teils kuriosen, teils top besetzten Episoden könnte man ewig zuschauen.

Im Los Angeles des Jahres 1973, während der ersten Ölkrise, verliebt sich ein selbstbewusster 15-Jähriger in eine zehn Jahre ältere Aushilfsfotografin. Cooper Hoffman, der offenbar das Talent seines Vaters Philip Seymour Hoffman geerbt hat, spielt den Jungen namens Gary, Alana Haim (Gitarristin der Band „Haim“) die junge Frau namens Alana. Es sind zwei erstaunliche Schauspieldebüts, man kriegt nicht genug von ihnen in diesen zwei Stunden voller Kinoglück.

Andersons "Licorice Pizza": Unbeschwerter Seventies-Sommer

Spielt Alana nur mit dem eifrigen Gary, der am Ende einer Karriere als Kinderdarsteller in Hollywood steht, oder steckt mehr dahinter? Egal, rein platonisch manövrieren sich die beiden durch die mühelos ineinandergleitenden Episoden des Films, in denen Gary erst einen Wasserbetthandel aufzieht und später eine Flipperhalle eröffnet, während Alana es erst als Schauspielerin versucht und dann bei einem Bürgermeisterkandidaten anheuert. Eine wirkliche Story gibt es nicht, was nicht schlimm ist, schließlich gibt es ständig genug zu gucken.

Ob der Film nun Garys Bemühungen zusieht, ob Sean Penn als fiktive Version des Hollywood-Haudegens William Holden schwer von sich ergriffen ist oder ob Bradley Cooper („Nightmare Alley“) als Barbra Streisands (nicht fiktiver) damaliger Liebhaber Jon Peters die Sau rauslässt: Der unbeschwerte Seventies-Sommer in L.A. ist stets zum Greifen nah, die Popkulturzitate sind ähnlich zahlreich wie in Tarantinos „Once Upon A Time In Hollywood“, nur ohne eruptive Gewalttaten. Am Ende lugt die Liebe dann wenigstens vorläufig um die Ecke. Mehr sollte man sowieso nie erwarten. Herausragend.

Startseite
ANZEIGE