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„Mittagsstunde“

Nichts als Kuddelmuddel im Dörfchen Brinkebüll

Dörte Hansens zweiter Roman „Mittagsstunde” war ein Bestseller – auch die Verfilmung könnte gut einschlagen, allein schon wegen Ex-„Polizeiruf”-Kommissar Charly Hübner, der als in sein schleswig-holsteinisches Heimatdorf zurückkehrender Unidozent ganz in seinem darstellerischen Element ist. Ein berührender Film über den Gegensatz von Land und Stadt und Jung und Alt, der nahezu ohne Sentimentalitäten auskommt und auch viel über bundesrepublikanische Zeitgeschichte zu erzählen weiß.

Von Gian-Philip Andreas

Wo zuerst anpacken? Ingwer Feddersen (Charly Hübner) ist zurück in seinem Heimatdorf – und muss sich erst mal orientieren.

Ingwer (Charly Hübner) kommt vom Land, lebt aber längst in Kiel. Der Endvierziger ist Unidozent, lebt in einer Dreierbeziehung und hat eigentlich nicht mehr viel am Hut mit dem Leben auf dem Dorf. Den Gasthof der Familie wollte er damals nicht übernehmen, ein schwerer Schlag für Sönke Feddersen (Peter Franke). Nun aber sind die „Alten“, Sönke und seine Frau Ella (Hildegard Schmahl), schwer in die Jahre gekommen, mit dem Gasthof geht es nicht weiter, Ella ist dement. Ingwer nimmt sich ein Sabbatical und zieht zurück nach Brinkebüll, nahe Husum, um mit anzupacken und wenigstens noch die Gnadenhochzeit der greisen Eheleute auf die Beine zu stellen. Er trifft auf eine Gemeinde, in der nichts mehr so ist, wie es mal war, und erfährt mehr über das „Kuddelmuddel“ der eigenen Familiengeschichte.

Die von Drehbuchautorin Catharina Junk auf gut 90 Minuten kondensierte Verfilmung des Erfolgsromans von Dörte Hansen geht sehr behutsam vor, fast assoziativ springt sie zwischen den Zeitebenen umher: der Gegenwart, den 1960er-Jahren, in denen Sönkes als „verdreht“ geltende Ziehtochter Marret (Gro Swantje Kohlhof) ungewollt schwanger wird und rund um das Dorf die „Flurbereinigung“ beginnt, sowie den 1970er-Jahren, in denen Ingwer ersten Wahrheiten über seine Herkunft begegnet. Familien- und Dorfleben, persönliche und Zeitgeschichte sind im Film ebenso verwoben wie im Roman, wobei Hansens Erzählung, die auf jeden „Früher-war-alles-besser“-Kitsch verzichtet, sicher ein paar Schichten tiefer gräbt als die Inszenierung von Lars Jessen („Dorfpunks“), der ein paarmal zu oft auf visuelle (und musikalische) Landluststimmung setzt.

Zu empfehlen ist in jedem Fall die plattdeutsche Fassung (eine hochdeutsche gibt‘s auch), in der die karge Lakonie der Dörfler noch greifbarer wird. Am heutigen Freitag um 20 Uhr läuft „Mittagsstunde“ nochmals im Rahmen des LitFilms Festivals. Sehenswert.

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