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Film der Woche

„Nico“: Ein rassistischer Angriff und seine Folgen

Berlin

Nico, Berlinerin mit iranischen Vorfahren, lebt in Neukölln ein unbeschwertes Leben – ehe Hass und Gewalt in Form eines rassistischen Überfalls ihr Leben aus den Fugen bringen. Mit viel Geduld und Karate muss sie es sich wieder neu erobern. Famos gespieltes, halbdokumentarisches Porträt einer in ihren Grundfesten erschütterten jungen Frau.

Von Gian-Philip Andreas

Nico (Sara Fazilat) will mit dem Karate-Training ihrer Schutzlosigkeit begegnen. Foto: Darling Berlin

Nico (Sara Fazilat) lebt in Berlin, genauer gesagt: in Neukölln, wo Hipster neben Spießern wohnen und alle möglichen Migrationshintergründe nebeneinander zu besichtigen sind, von sexuellen und anderen Identitäten ganz zu schweigen. Als Altenpflegerin ist Nico, Tochter iranischer Eltern, beliebt, nach Feierabend geht die Dreißigjährige mit ihrer besten Freundin Rosa feiern. Dann aber wird sie auf dem Heimweg rassistisch attackiert und brutal verprügelt. Aus heiterem Himmel.

Karate als Ventil

Danach ist für Nico nichts mehr, wie es einmal war. Das Wissen darum, von Mitmenschen nur für das, was sie ist, gehasst zu werden, erschüttert sie in ihren Grundfesten, raubt ihr die Lebensfreude, entfremdet sie ihrem Umfeld. Erst, als sie sich im Karate-Dojo von Andy Marquardt anmeldet, weil sie sich nie wieder schutzlos fühlen möchte, beginnt sie, sich ihr eigenes Leben zurückzuerobern.

Keine kitschige Selbstfindungsschnulze

Nur 75 Minuten braucht Eline Gehring in ihrem erfrischend geradlinigen Spielfilmdebüt, um Nicos Geschichte zu erzählen, erfreulicherweise macht sie aus dieser effektiven Empowerment-Geschichte aber keine kitschige Selbstfindungsschnulze mit Happy End oder gar eine affektgetriebene Rachestory. Im Gegenteil: Der Film, den Gehring mit Hauptdarstellerin Fazilat (aus „Die Füchsin“) und Kamerafrau Francy Fabritz im Kollektiv entwickelte, bleibt ganz bei sich – und als Por­trät des Neuköllner Alltags halbdokumentarisch. Nicos Patientinnen spielen sich ebenso selbst wie Karate-Trainer Marquardt, eine Berliner Lokalberühmtheit, dessen irre Lebensgeschichte 2015 in Rosa von Praunheims Film „Härte“ erzählt wurde.

Sara Fazilat erhielt für ihr intensiv zwischen Hochs und Tiefs pendelndes Spiel beim Max-Ophüls-Festival im letzten Jahr den Preis als beste junge Darstellerin. Das ist sehr nachvollziehbar.

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