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„Drive My Car”

Murakami-Verfilmung: Onkel Wanja in Hiroshima

Ein Mann, eine Frau, ein Auto. Tolle Dialoge, emotionale Tiefenbohrung, beibehaltene Leichtigkeit. Das sind die Zutaten zu dieser schon vielfach ausgezeichneten Haruki-Murakami-Verfilmung, die sich direkt auf Oscar-Kurs befindet. Die drei Stunden Laufzeit vergehen wie im Flug.

Von Gian-Philip Andreas

Kafuku (Hidetoshi Nishijima) und Chauffeurin Watari (Toko Miura). Foto: Rapid Eyes Movies

Ein Theatermacher, Ende vierzig, emotional verpanzert. Eine Chauffeurin, Mitte zwanzig, schweigsam. Beide fahren im Auto herum, vom Hotel zum Theater und zurück, manchmal auch Umwege. Taugt das für einen Spielfilm von satten drei Stunden Länge? Es taugt.

„Drive My Car“ basiert auf einer Kurzgeschichte des Kultautors Haruki Murakami, und wie vor drei Jahren schon „Burning“ bewies, geraten jene Verfilmungen seiner Werke am besten, treffen jene Filme ihren Tonfall am besten, die sie nicht getreulich abzufilmen versuchen, sondern eher als Ausgangspunkt nehmen für ihr ganz eigenes Ding. Das hat in diesem Fall Ryusuke Hamaguchi versucht, Japans international derzeit meistgefeierter Regisseur, der in diesem Jahr sowohl einen Berlinale-Bären gewann als auch in Cannes mit dem Drehbuch-Preis für „Drive My Car“ ausgezeichnet wurde. Eine Oscar-Nominierung wird folgen.

Die Bilder des Films sind völlig clean, kommen ohne jeden Ballast aus, alles ist auf die beiden fantastischen Darsteller konzentriert, deren Figuren sich einander allmählich öffnen. Beide haben harte Schicksalsschläge hinter sich. Protagonist Kafuku etwa (Hidetoshi Nishijima), Schauspieler und Regisseur, verlor vor zwei Jahren seine Frau und Arbeitspartnerin; kurz vor ihrer tödlichen Hirnblutung hatte er noch erfahren, dass sie ihn betrog. Den Liebhaber besetzt er nun offensiv als Titelfigur in Tschechows Drama „Onkel Wanja“, das er in Hiroshima inszeniert. Er selbst will die Hauptrolle nicht spielen, denn: „Wenn du seine Zeilen sprichst, wird dein wahres Ich hervorgezerrt.“

Der Film wechselt ab zwischen den mehrsprachigen Theaterproben und den langen Autofahrten im tomatenroten Saab, auf denen die junge Watari (Toko Miura) zu Kafukus emotionaler Sparringspartnerin wird, es geht um nachträgliches Bedauern und späte Selbstakzeptanz.

Die Melancholie des Tschechowschen Stücks schwappt rüber in die Autoszenen, das echte Leben landet am Ende auf der Bühne. Und nach drei Stunden ist dieses Meisterwerk dann leider schon vorbei. Herausragend.

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