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Film der Woche

„Spencer“: Perlen in der Weihnachtssuppe

Münster

Eine herkömmliche Filmbiografie über das schicksalhafte Leben der Lady Diana sollte hier niemand erwarten. Der teils auf Schloss Nordkirchen gedrehte Film der „Toni Erdmann”-Produzenten nähert sich der ikonischen Figuren auf sehr spezielle Weise – mit Kristen Stewart in Bestform.

Von Gian-Philip Andreas

Wo ist der Tankwart? Prinzessin Diana (Kristen Stewart) hätte wohl gern nette Gesellschaft – nicht aus der Familie. Foto: Copyright Pablo Larraín,DCM

Weihnachten 1991, die britische Königsfamilie kommt in Norfolk zusammen, in Sandringham House, dem Landsitz der Königin, im Film teils von Schloss Nordkirchen gedoubelt. Während das Militär allerlei Köstlichkeiten in Waffenkisten anliefert, bahnt sich ein Fauxpas an: Elizabeth II. betritt das Gemäuer, doch ein Gast fehlt. Eine junge Frau kurvt noch im offenen Porsche Cabrio durch die Gegend. Sie scheint sich verfahren zu haben. Oder will sie bloß nicht ankommen?

Die blonde Dreißigjährige ist Diana, Princess of Wales, früherer Nachname: Spencer. Sie ist die Protagonistin im neuen Film von Pablo Larraín, einem Spezialisten für leicht aus dem Lot gekippte Biopics („Jackie“, „Neruda“). All jene, die von „Spencer“ eine getreuliche biografische Nacherzählung erwarten, seien also vorab gewarnt: Larraín macht das verbürgte Weihnachtstreffen zu einem ganz und gar unverbürgten Märchen. Eine „Fabel nach einer wahren Tragödie“ sei der Film, informiert eine Schrifttafel zu Beginn.

Kristen Stewart grandios als Märchenheldin

Larraín interpretiert das Weihnachtsfest in Sandringham als Wendepunkt in Dianas Leben, als Moment, in dem sie die lieblose Ehe mit Prince Charles verwirft und offen gegen das royale Protokoll zu rebellieren beginnt. Die Abfolge stocksteifer Dinner, ritualisierter Lustbarkeiten und Fasanenjagden erscheint, ganz aus Dianas Perspektive erzählt, wie ein Höllenritt, in dem die Queen und Co. konsequent Geisterbahnstatisten bleiben. Allein im Spiel mit ihren Söhnen William und Harry, neun und sieben, findet Diana Momente der Leichtigkeit.

Zugeneigt sind ihr der Koch, der Stallmeister (Timothy Spall, „Mr. Turner“) und eine in sie verliebte Garderobiere (Sally Hawkins), dennoch driftet die Königin der Herzen ins Somnambule und Surreale ab: Begleitet vom experimentellen Soundtrack des „Radiohead“-Gitarristen Jonny Greenwood verspeist Diana im Traum als Suppeneinlage die Perlenkette, die Charles nicht nur ihr, sondern auch seiner Geliebten Camilla schenkte.

Als Märchenheldin grandios ist Kristen Stewart, die Lady Di optisch zwar nicht allzu ähnlich sieht, sich ihr aber dennoch verblüffend anverwandelt. Eine Oscar-Nominierung dürfte folgen. Sehenswert.

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