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„Die Magnetischen“: Coming-of-Age in den 80er Jahren

Piraten am Mikrofon

Zwei Brüder, eine Frau, dazu Magnetbänder und Schallplatten: Als wohlige Retro-Orgie für Analog-Fans präsentiert sich diese herkömmlich aufgebaute Geschichte eines Erwachsenwerdens vor dem Hintergrund der frühen Achtzigerjahre zwischen Mitterand und Reagan, zwischen Frankreich und geteiltem Berlin. Regiedebüt mit tollem 80s-Soundtrack und liebevoller Vintage-Ausstattung.

Von Gian-Philip Andreas

Schallplatten, Kassetten, handgemachte Soundeffekte, das ist die Welt von Philippe (Thimotée Robart). Foto: Celine Nieszawer

Eine klassische Geschichte: zwei Brüder, der ältere extrovertiert, der jüngere introvertiert und gescheit, dazu eine attraktive Frau, in die sich beide verlieben, und eine Selbstfindungsreise. Das Besondere an dieser neuen Variante des sattsam Bekannten ist das Setting: „Die Magnetischen“ spielt in den frühen 1980er-Jahren, als in der Jugendkultur Disco und Punk von Synth-Pop, New Wave und Post-Punk à la Joy Division abgelöst wurden – und in Frankreich als Gegenentwurf zum Reaganismus und Thatcherismus der angelsächsischen Welt der Sozialist François Mitterand Präsident wurde.

Vor diesem Hintergrund des Gegensatzes von Aufbruch und Zukunftsangst zeichnet Regiedebütant Vincent Maël Cardona eine nostalgische Coming-of-Age-Geschichte, die im Zeichen der damals noch analogen Musik-Abspieltechniken steht. Beide Brüder arbeiten zwar in der Werkstatt des Vaters, gehen aber völlig in ihrer Rolle als Betreiber eines Piratenradiosenders auf. Während der ältere Bruder am Mikro die Sau rauslässt, gibt sich der experimentierfreudige Philippe (Thimotée Robart, „Der flüssige Spiegel“) mit der Technik im Hintergrund zufrieden: Schallplatten, Kassetten, handgemachte Soundeffekte. Erst als er zum Militärdienst nach West-Berlin geschickt wird, wo damals, zwischen den Einstürzenden Neubauten und Nick Cave, der Sound der Zeit produziert wurde, ändert sich das. Philippe traut sich vors Mikro – und auch, Friseurin Marianne seine Liebe zu gestehen.

Mit liebevoller Ausstattung und mitreißendem Soundtrack schafft es Cardona, dem eher simplen Adoleszenzplot neues Leben einzuhauchen; sein Film wirkt bisweilen wie ein Komplementärstück zu Mia Hansen-Løves zehn Jahre später angesiedeltem DJ-Drama „Eden“, an dessen Klasse er dann allerdings nicht ganz heranreicht.

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