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„Curveball – Wir machen die Wahrheit“

Plaudereien und Peinlichkeiten in Pullach: milde Geheimdienstsatire nach wahrem Fall

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 - vor inzwischen zwanzig Jahren – suchten die USA und ihre Verbündeten einen Grund, den Irak angreifen zu können. Die Märchen, die ein Asylbewerber in Deutschland erzählt hatte, kamen ihnen gelegen. Johannes Naber erzählt davon in dieser staubtrockenen Beamtensatire.

Von Gian-Philip Andreas

Asylbewerber Rafid Alwan (Dar Salim) erzählt dem deutschen Geheimdienst frei fantasierte Märchen über Massenvernichtungswaffen im Irak. In Pullach läuten prompt die Alarmglocken. Foto: dpa

Eine der folgenträchtigsten Lügen der Nullerjahre war die von den Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein. 2003 diente sie US-Präsident Bush und seiner „Koalition der Willigen“ als Vorwand, in den Irakkrieg zu ziehen. Hussein wurde zwar bald verzauselt aus einem Erdloch gezogen, doch seine Biowaffen, die hatte es eben gar nicht gegeben.

Vom Ursprung dieser Lüge erzählt Regisseur Johannes Naber jetzt als Provinzfarce aus Pullach. Dort, in Oberbayern, befand sich damals die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND), und an den hatte sich 1999 der Asylbewerber Rafid Alwan gewandt: Er habe unter Saddams Regime an der Produktion tödlicher Milzbranderreger mitgearbeitet. Die BND-Funktionäre werden ganz wuschig in ihren holzvertäfelten Behördenbüros: Biowaffen im Irak, ein Coup! Die CIA wird platzen vor Neid! Wie Alwans Infos, die sich letztlich auf frei fantasierendes Schwadronieren und krakelige Filzstiftskizzen beschränken, im Gefolge der 9/11-Anschläge vor dem UN-Sicherheitsrat landen, ist eine so surreale Geschichte, dass Naber das Farcenhafte daran nicht mal groß betonen muss. Die BND-Bosse um Abteilungsleiter Schatz (Thorsten Merten), säftelnd vor Unterwürfigkeit und Gernegröße, scheinen dennoch überzeichnet, während das Verhältnis des um Belohnung buhlenden Desinformanten Alwan („Tatort“-Kommissar Dar Salim) zum Kontaktmann Dr. Wolf (Sebastian Blomberg) an das von Knobel und Willié aus Helmut Dietls „Schtonk!“ erinnert.

Der Film hätte gerne eine Nummer schärfer ausfallen können, gerade wenn man an Nabers deutlich bissigere Wirtschaftssatire „Zeit der Kannibalen“ (auch mit Blomberg) denkt: Angesichts der Fake-News-Kultur, die die Welt spätestens seit der Ära Trump im Griff hat, wirken die Geschehnisse von damals fast schon wieder harmlos.

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