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„Promising Young Woman”: Brettharte Thrillerkomödie mit Carey Mulligan

Rächerin aus dem Coffeeshop

Ex-Medizinstudentin Cassie arbeitet jetzt in einem Café. Ihr einziges Ziel: Rache für die Vergewaltigung ihrer besten Freundin. Wie weit sie dafür geht, zeigt diese oscargekrönte Thrillerkomödie in einem genial wendungsreichen Plot – und mit einer famosen Carey Mulligan in der Titelrolle.

Von Gian-Philip Andreas

Cassie (Carey Mulligan) begibt sich auf einen seltsamen Feldzug. Foto: Focus Features/dpa

Cassie war eine vielversprechende junge Frau – wie es der Filmtitel verspricht. Dann aber brach sie ihr Medizinstudium ab, zog zurück zu ihren Eltern. Warum sie das tat, gibt Autorin Emerald Fennell in ihrem famosen Regiedebüt erst nach und nach preis. Es ist eine Taktik, die den ganzen Film prägt: plötzliche Richtungswechsel im Plot und in der Tonlage, mal wähnt man sich in einem Psychothriller, dann in einer romantischen Komödie, gegen Ende gibt es einen grausamen Twist.

Vor allem ist „Promising Young Woman“ eine abgründige Bestandsaufnahme der „rape culture“ – einer Vergewaltigungskultur, die sich im unausgesprochenen Einverständnis manifestiert, dass das sexuelle Ausnutzen von Frauen, besonders leicht gekleideter, ein Kavaliersdelikt ist. In ihrer Freizeit setzt Cassie sich also in Bars und spielt besoffen. Sie lässt sich von Typen abschleppen, die ihre Situation ausnutzen wollen. Wenn die sich dann über sie hermachen, schlägt Cassie die Augen auf und fragt, zum Schock der Übergriffigen, ganz nüchtern: „Was machst du da?“ Ihr Notizbuch zeigt, dass sie dieses Spiel schon häufig durchzog.

„Promising Young Woman“ ist eine Variation der Rape-and-Revenge-Movies – das sind meist B-Filme, in denen sich Frauen für ihre Vergewaltigung rächen. Allerdings ist hier nicht Cassie das zu rächende Opfer, sondern ihre beste Freundin, die sich das Leben nahm. Wie weit Cassie gehen wird, um diese Rache durchzuziehen, das sollte man vor der Ansicht ebenso wenig wissen wie das, was der nette Kinderarzt Ryan (Bo Burnham, „Inside“), in den sie sich verliebt, damit zu tun hat.

Obwohl Fennell so ziemlich alle Aspekte des Themas unterbringen möchte, tut sie das doch so elegant, dass das Didaktische nie dominiert; zurecht bekam das Drehbuch den Oscar. Den verdient gehabt hätte auch Carey Mulligan („Der große Gatsby“), die alle Nuancen Cassies, vom netten Coffeeshop-Girl bis zum eiskalten Racheengel, an der Selbstjustiz zweifelnd wie in ihr versinkend, glaubwürdig durchspielt. Das Ende ist ein Faustschlag in die Magengrube und ein Triumph zugleich. Sehenswert.

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