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„Hive“

Rebellion einer möglichen Witwe

Filme aus dem Kosovo landen sonst nie in unseren Kinos, dieser internationale Festivalhit hat es geschafft – und die Chance sollte man sich nicht entgehen lassen. Das präzise inszenierte Porträt einer Frau, die sich gegen alle Widerstände der Obrigkeit aus der ökonomischen Verzweiflung emporkämpft, beeindruckt mit poetischem Humanismus.

Fahrije (Yllka Gashi) weiß nicht, ob ihr Mann, der Bienenzüchter, je zurückkehren wird. Foto: 24 Bilder

Dieser kosovarisch-albanisch-nordmazedonisch-schweizerischen Koproduktion ist letztes Jahr etwas gelungen, was zuvor noch keinem Film gelang: Sie gewann in Sundance, auf dem wichtigsten US-amerikanischen Filmfestival, die drei wichtigsten Preise: den Jurypreis, den Regiepreis und den Zuschauerpreis. Bemerkenswert, denn weder handelt es sich bei „Hive“ um ein gefällig um Beifall buhlendes Melodram noch um wohlfeiles Entertainment. Das Langfilmdebüt der Regisseurin Blerta Basholli geht ganz sachte vor, fast könnte man sagen: nüchtern, und doch packt er einen schnell und lässt dann nicht mehr los.

Erzählt wird von einer mutigen Frau aus einem kosovarischen Dorf, das 1999 von serbischen Einheiten überfallen wurde. Ein Großteil der männlichen Einwohner wurde getötet oder verschleppt, bei vielen ist der Status bis heute unklar.

Eine wahre Geschichte – genau wie das Schicksal von Fahrije, einer Mutter, die nicht weiß, ob sie Witwe ist oder ob ihr Mann, ein Bienenzüchter, irgendwann zurückkehren wird. Das ist ein Problem, denn als Nicht-Witwe ist ihr im patriarchal geprägten Umfeld des Dorfes, in dem sie mit Tochter und Schwiegervater Unterschlupf gefunden hat, ziemlich alles untersagt: das Arbeiten, das Autofahren, jegliches Sozialleben. Um ihre Familie ernähren zu können, muss sie aber Maßnahmen ergreifen, die der Moral der Dorfmänner zuwiderlaufen: Ausgehend von selbstgemachtem Ajvar und dem Honig aus den von ihrem Mann hinterlassenen Bienenstöcken gründet sie mit anderen Frauen eine landwirtschaftliche Kooperative.

Klar, Blasholli erzählt eine typische Selbstermächtigungsgeschichte, an deren Ende der Widerstand der Reaktionäre zu bröckeln beginnt. Doch auf große Gesten und gefühliges Pathos verzichtet sie, genauso wie ihre brillante Hauptdarstellerin Yllka Gashi, die ihrer Figur nur minimale Ausbrüche aus ihrer emotionalen Verpanzerung gestattet – und damit maximale Effekte erzielt. Sehenswert.

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