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„Rimini“: Herausragende Tragikomödie von Ulrich Seidl

Münster

Ein alternder Schlagerstar erlebt im verschneiten Rentnerparadies „Rimini“ einen tragikomischen Schleuderkurs, als die Tochter mit Geldforderungen erscheint. Visuell meisterhafte Tragikomödie von Ulrich Seidl, der seine österreichischen Tableaus verlorener Seelen an die Adria-Perle verlegt hat.

Von Hans Gerhold

Michael Thomas ist als Richie Bravo zwar abgehalftert, aber immer noch wirkungsvoll beim alten Publikum. Foto: dpa

Eigentlich gehört die Adria-Perle Rimini Federico Fellini, der sie in Klassikern wie „Die Müßiggänger“ und „Amarcord“ gefeiert hat. Andererseits ist der österreichische Kollege Ulrich Seidl kein postmoderner Billigfilmer, sondern ein meisterhafter Autoren-Regisseur, dessen ureigene Bildwelten aus der „Paradies“-Trilogie und dokumentarischen Werken wie „Im Keller“ Rimini eine neue Farbe verleihen: die der Winterreise eines Schlagerstars im verschneiten Rentnerparadies.

Richie Bravo (Michael Thomas, „Paradies: Hoffnung“) ist so abgehalftert wie der Pelzmantel, in dem er durchs verschneite Rimini stapft, seine besten Jahre hat er hinter sich. Dennoch beglückt Richie Fans, die aus Busladungen von Rentnerinnen und reiferen Damen bestehen, immer noch mit „Amore mio“-Canzonen, die er mit Tremoli unterlegt, die noch durchgehen. Vor älteren Mädels wie Emmi (Inge Maux) reicht es im Hotelzimmer aber nicht immer zur gelungenen Performance.

Michael Thomas macht den Schlagerfuzzi 

Man sieht: Ulrich Seidl ist am Werk. Wo Mario Adorf in „Comeback für Freddy Baker“ und Gérard Depardieu in „Chanson der Liebe“ mäßig bis tranig unterhielten, zeigt Michael Thomas den verfetteten Schlagerfuzzi mit Villa in seiner Erbärmlichkeit mit eingeübten Phrasen fürs Publikum, das er aber zu lieben scheint, und ewig gleichen Liebesschwüren, die erstaunlicherweise bei den nach Liebe dürstenden Damen (Motive aus „Hundstage“ und „Paradies: Liebe“) wirken.

Bis er von der Vergangenheit eingeholt wird. Tochter Tessa (Tessa Göttlicher) steht vor der Tür und verlangt Unterhaltszahlungen der letzten zwölf Jahre. Richies Leben wird zum Schleuderkurs, da er das Geld kaum auftreiben kann. Trotz der trostlosen Tristesse von Schneefall in Rimini, Kniefall vor den Damen und Umfallen auf dem Lotterbett endet „Rimini“ nicht ohne Hoffnung,

Wie immer sind Seidls zentralperspektivische Tableaus mit verlorenen Seelen (eins huldigt Fellinis „8 1/2“) ein visueller Genuss. Diesmal bewegt sich die meist starre Kamera sogar. Kein Wunder bei Richie, dem Schlagerstar im Schleuderkurs. Herausragend.

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