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„The Northman“: Wuchtiges Wikinger-Epos

Schafe, Vulkane und Walküren

Auf der Amleth-Sage basierendes Epos um den jungen Prinzen Amleth (Alexander Skarsgard), dessen Racheschwur im Lauf einer spirituellen Reise an Wert verliert und alles Sinnen und Streben in Frage stellt. Mit einigen Härten in großartigen Landschaften. Sehenswert.

Von Hans Gerhold

Prinz Amleth (Alexander Skarsgård) sinnt auf Rache. Aber langsam lernt er, dass seine Erinnerungen täuschen. Foto: Focus Features

­Mit „Hamlet“ hat das wuchtige Wikinger-Epos „The North­man“ insofern zu tun, als sich Shakespeare sowie Autor und Regisseur Robert Eggers („Der Leuchtturm“) auf die Amleth-Sage um den edlen Prinzen im faulen Staat beziehen. Zwar geht es in „The Northman“ teils hart wie Schwermetall zu, aber das Rachedrama um Verkündung und Erfüllung eines Gelöbnisses gebiert eine ebensolche Tragödie wie die des sinnierenden Bühnen-Hamlet.

Der junge Prinz Amleth (Alexander Skarsgård) erlebt, wie der Vater vom eigenen Bruder Fjölnir (Claes Bang) ermordet und die Mutter (Nicole Kidman als Königin Gudrun) verschleppt wird. Er flieht von der nordischen Insel, wird versklavt und nach der Kampfausbildung ein Berserker in der vordersten Reihe der Krieger, ein Plünderer und Vergewaltiger. Amleth hofft auf Vergeltung und schwört diese auch.

Doch je näher er dem Ziel kommt, desto mehr muss er erfahren, dass sich damals nicht alles so wie in seiner Erinnerung abgespielt hat. Fjölnir konnte weder das Erbe antreten noch herrschen, sondern wurde nach Island verbannt, wo er über wenige Vasallen und eine Herde Schafe regiert. Gu­drun hat die Seiten gewechselt. Aus Amleths Mission wird eine Tragödie, weil er sich in den Jahren des Hasses nicht selbst einzuschätzen weiß.

Der Titel „The Northman“ mag Epen wie „Die Wikinger“ (mit Kirk Douglas als Einauge) und „Raubzug der Wikinger“ (mit Richard Widmark) evozieren, und eine lange Schlachtsequenz, die das Getümmel moderner Schwert-und-Hammer-Epen aufnimmt, ist Schauwerten verpflichtet. Bei aller Wucht ist „The Northman“ im Lauf des Geschehens mehr eine spirituelle Reise, bei der alles Sinnen und Streben in Frage gestellt wird und moralischer Bankrott am Ende steht.

Zu den Bildwerten gehören Lava speiende Vulkane als Erzähler, Visionen in einer Welt von falschen Religionen und Aberglauben, Sängerin Björk als Walküre, die vom Himmel stürzt, und ein prophezeiender abgetrennter Kopf. Ana Taylor-Joy („Das Damengambit“) bildet als verschlepptes Mädchen den Gegenpol zur Härte in großartigen isländischen Landschaften. Sehenswert.

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