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Gundermann

Singender Baggerfahrer

Für zerrissene Charaktere hat Regisseur Andreas Dresen immer schon Interesse gezeigt und ihnen in Filmen wie „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“ und „Als wir träumten“ Arbeiten gewidmet, in denen ihre Unangepasstheit und ihr kritisches Denken die Hauptrollen spielten.

Hans Gerhold

Immer schon unangepasst: Gerhard „Gundi“ Gundermann (Alexander Scheer, l.) geht auch dank Volker (Milan Peschel) seinen Weg als Baggerführer und Liedermacher. Foto: Pandora

Mit „Gundermann“, der feinen, menschlichen und einfühlenden filmischen Biografie des Liedermachers und Baggerführers Gerhard „Gundi“ Gundermann (1955-1989), legt Dresen eines seiner komplexesten Werke vor.

Der nur 43 Jahre alt gewordene Idealist Gundermann, der an einer Gehirnblutung starb, wuchs in der DDR im Lausitzer Braunkohlegebiet um Hoyerswerda auf, wo er sein Leben lang blieb. Mit 15 brachte er sich das Gitarrespielen bei, wurde Mitglied im Singe-Klub der Schule. Die NVA entließ ihn als „nicht verwendungsfähig“. Er arbeitete als Hilfsarbeiter im Tagebau, schaffte in Rekordzeit seine Ausbildung zum Baggerführer und lebte fortan eine doppelte Existenz.

Als Liedermacher schrieb er für die Gruppe Silly um Frontfrau Tamara Danz in zwei Wochen acht Lieder, gründete die Band „Brigade Feuerstein“ und trat im Ausland auf. Nach der Wende gründete er die Band „Seilschaft“. Gundermanns Lieder wurden auch von „Tatort“-Kommissar Axel Prahl gesungen, der – lange vor den Krimi-Einsätzen – durch Dresens „Halbe Treppe“ bekannt wurde.

Alexander Scheer („Sonnenallee“, „Der junge Karl Marx“) spielt Gundermann ohne Allüren in all seinen fröhlichen Widersprüchen, als wäre der sein anderes Ich. Eine famose Leistung samt Einspielung und Singen von dessen Songs, die fast Volkslieder wurden. Das macht die Liebesgeschichte zu Ehefrau Conny (Anna Unterberger) glaubhaft.

Dresen, der immer gegen DDR-Klischees im Westen ankämpfte und sie „unsaubere gegenseitige Wahrnehmung“ nennt, geht es um den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus einerseits und um die „prinzipielle Eigenwilligkeit und das Nichteinfügenwollen ins Kollektiv“ andererseits, die ein Mitglied des ZK der SED bescheinigte. Das passt. Obwohl SED-Mitglied mit Parteiausschlussverfahren und IM der Stasi (wie Christa Wolf), war der Querdenker und Weltverbesserer Gundermann eben nicht linientreu. Das war er nur bei seinem Schaufelradbagger. Sehenswert.

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