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„Quo Vadis, Aida?“: Böses in Bosnien

Sisyphus-Arbeitvor dem Massaker

1995 versucht eine bosnische Dolmetscherin, die Familie in die Schutzzone von Srebrenica zu bringen und zu vermitteln. Intensive Aufarbeitung des Krieges und des Massakers. Herausragend

Von Hans Gerhold

Dolmetscherin Aida (Jasna Djuricic) wird mit Foto: Farbfilm Verleih/dpa

Das Massaker von Srebrenica, bei dem 1995 im Bosnienkrieg 8372 muslimische Bosnier von serbischen Milizen des Generals Ratko Mladic getötet wurden, gehört zu den schlimmsten Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg. „Ich hoffte, wir würden offen darüber sprechen, was geschehen ist und wie es dazu kam. Nichts davon hat sich erfüllt“, so die Schauspielerin Mirjana Karanovic 2017 über die jugoslawischen Länder.

Karanovic hatte in Jasmina Zbanic‘ Debütfilm „Grbavica – Esmas Geheimnis“ (Goldener Bär 2006) die Hauptrolle einer vergewaltigten Frau gespielt, die ihre Tochter im Glauben lässt, der Vater sei gefallen. Zbanic setzt ihre offene Aufarbeitung des Krieges mit „Quo Vadis, Aida?“ fort, die wahre Geschichte einer Frau, die versucht, ihre Familie zu retten.

Die ehemalige Lehrerin Aida (Jasna Djuricic) arbeitet im Juli 1995 als Dolmetscherin der Blauhelme im UN-Auffanglager nah der Kleinstadt Srebrenica und versucht, Ehemann und zwei Söhne in die Schutzzone zu bringen, während sie als Übersetzerin zu vermitteln versucht. Während Mladic’ Milizen vorrücken, rennt Aida buchstäblich wie ein weiblicher Sisyphus und verbal mutig in diesen Tagen gegen die unaufhaltsamen Entwicklungen an, die zum Massaker führen.

Das ist schmerzhaft in Inhalt, Form und Darstellung und gehört zu den intensiven, fast spürbaren Filmen wie „Requiem für Mrs. J.“ (mit Karanovic), die über diese Gräben in Europa entstanden sind. Erschütternd die Darstellung von Djuricic, die im Epilog einen Keim Hoffnung im verhärmten Gesicht zeigt, meisterhaft die Kameraarbeit von Christine A. Meier („Satte Farben von Schwarz“) in dem von acht (!) Ländern finanzierten oscarnominierten Film. Herausragend.

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