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„Nebenan“

Soziale Ungleichheit am Kneipentresen

Daniel Brühl ist der derzeit gefragteste deutsche Schauspieler. Er wohnt in Prenzlauer Berg. In seinem Regiedebüt erzählt er von einem Schauspielstar, der ebenfalls in Prenzlauer Berg wohnt – und in einer Kneipe von einem Unbekannten in die Mangel genommen wird.

Von Gian-Philip Andreas

Privilegierter Foto:

Der Protagonist dieses Kneipenkammerspiels heißt Daniel. Der erfolgreiche Schauspieler lebt mit Frau und Kindern im dekorativ durchgentrifizierten Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg – und hat ein Casting vor der Brust, für einen Part als Schurke in einem Superhelden-Blockbuster. Da stutzt man kurz. Denn auch Daniel Brühl, der international populärste deutsche Schauspieler, lebt mit Frau und Kindern in Prenzlauer Berg, auch er ist durch seinen Part als Schurke Zemo im Marvel-Universum zum Weltstar geworden. Daniel spielt also Daniel: Es ist ein kühnes Projekt, dass sich Brühl da für sein Regiedebüt ausgesucht hat.

In Interviews beteuert Brühl derzeit gern, der Daniel im Film habe mit ihm zwar all diese Dinge gemein, doch ein Selbstporträt sei dies nun wirklich nicht. Die Themen aber, um die es in „Nebenan” geht, beschäftigten ihn schon lange.

Wie lebt man als privilegierter, wohlhabender Mensch neben all jenen, die es nicht so gut erwischt haben. Bemerkt man sie überhaupt im Alltag? Gentrifiziert man ihr Umfeld unbemerkt? Den arroganten Film-Daniel habe er natürlich überspitzt.

Kurz vor seinem Casting trifft der fiktive Daniel in der Kneipe „Zur Brust” auf den gewichtigen Bruno, einen müde gewordenen Wendeverlierer, der im selben Haus wohnt wie er, nur eben nicht in einem Loft mit eigenem Aufzug. Bruno wird vom scheinbaren Fan zum offenen Gegner, und allmählich kristallisiert sich heraus, dass er über Daniels Leben beunruhigend viel zu wissen scheint. Auch über privateste Dinge. Was will er?

Schriftsteller Daniel Kehlmann (noch so ein Daniel) hat diesen Pas de Deux für Star und Schlucker extra für Brühl geschrieben – beide arbeiteten ja schon bei der Romanverfilmung „Ich und Kaminski” zusammen. Die geschliffenen Dialoge des fast in Echtzeit ablaufenden Dramas, das Sozialsatire mit Hitchcock-Thrill verbindet, könnte man sich auch auf der Bühne vorstellen, sie sind bei Brühl und erst recht bei Peter Kurth („Babylon Berlin“), diesem tollen Theatertier, bestens aufgehoben.

Diesen Verbal-Duellisten sieht man gefesselt zu – zumindest bis zum unentschlossenen Finale, das die angerissenen Themen leider nicht ideal zusammengebunden bekommt.

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