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„Der schlimmste Mensch der Welt“: Originelle Komödie

Sprunghafte Sinnsucherin

Eine junge Frau aus Oslo rennt sprunghaft, selbstbezogen und entscheidungsunfähig durch Lebenentwürfe und Liebesleben. Originelle norwegische Komödie, die von der hervorragenden Hauptdarstellerin Renate Reinsve lebt und als indirektes Generationenporträt gelesen werden kann.

Von Hand Gerhold

Julie aus Oslo (Renate Reinsve) sucht den Sinn im Leben. Hier tauscht sie gerade Zigarettenqualm mit Partner Aksel Foto: ARD

Der Titel der norwegischen Komödie „Der schlimmste Mensch der Welt“ ist laut Regisseur und Autor Joachim Trier nicht wörtlich zu nehmen, sondern bezieht sich auf eine Redensart, mit der Betroffene ihre eigene Unzulänglichkeit komisch kaschieren. Ein Prachtexemplar dieser Art sprunghafter, entscheidungsunfähiger und selbstbezogener Sinnsucher ist Julie aus Oslo (Renate Reinsve), deren Lauf durch Leben und Liebe der Film schwungvoll begleitet.

Erst will die Eins-plus-Abiturientin Medizin studieren, dann wechselt sie zur Psychologie, danach wird sie Fotografin und Autorin. Und als der Wettlauf mit Zeit, Leben und Liebe wieder eine Wendung nimmt, bricht der Film ab. Bis dahin hat Julie mehrere Männer gehabt, natürlich die, die längst gebunden sind, und kommt mit ihrem Bedürfnis nach Freiheit und Selbstverwirklichung wohl auf die nächste Umlaufbahn ins Ungewisse.

Das soll eine Komödie sein? Ist sie, weil der zweifach oscarnominierte Meilenstein um eine so zweifelhafte wie zwiespältige Sinnsuche ein indirektes Generationen- und Zeitporträt der 30- bis 40-jährigen ist, die ihren Platz im Leben nicht finden und als nicht erwachsen werdende Millennials vielleicht auch nicht finden wollen. Das ist von Joachim Trier (keine Verbindung zum Dänen Lars von Trier) so ironisch und originell inszeniert, dass das Schmunzeln von selbst kommt.

„Der schlimmste Mensch der Welt“ ähnelt der norwegischen Komödie „Hallo Hallo“ von Maria Holm, in der die Protagonistin zehn Jahre älter als Julie ist und sich am Ende symbolisch frei springt. Julie jedenfalls rennt in einem der zwölf Kapitel mit Prolog und Epilog in der schönsten Szene des Films auf ihren Lover zu, während alles um sie herum wie in „Matrix“ erstarrt ist. Für ihre spielwütige Leistung hat Hauptdarstellerin Renate Reinsve im vergangenen Jahr beim Filmfestival in Cannes die Silberne Palme als Beste Darstellerin erhalten. Sehenswert.

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