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Demenz-Drama mit Anthony Hopkins

„The Father”: Szene für Szene in den Dämmer

30 Jahre nach dem „Schweigen der Lämmer” bekam Anthony Hopkins seinen zweiten Oscar als Bester Hauptdarsteller. Er brilliert in diesem kongenial verfilmten Theaterstück, das ganz aus der zunehmend verwirrten Sicht eines Demenzkranken erzählt ist – und dessen Erleben beklemmend spürbar macht.

Von Gian-Philip Andreas

Anthony (Anthony Hopkins) ist verwirrrt von seiner liebevoll pflegenden Tochter Anne (Olivia Colman). Foto: Sean Gleason/Tobis Film/dpa

Filme über Angehörige von Demenzkranken gibt es inzwischen einige, ganz im Gegensatz zu Filmen, die darzustellen versuchen, wie es sich für die Kranken selbst anfühlt, die eigene Identität in Auflösung zu erleben. In seinem Theaterstück „Der Vater“ hat der französische Autor Florian Zeller genau das zu zeigen versucht, und jetzt ist es ihm in seinem Regiedebüt geradezu kongenial gelungen, diesen Versuch auch fürs Kino nutzbar zu machen.

Zeller, der das oscarprämierte Drehbuch gemeinsam mit dem britischen Dramatiker Christopher Hampton schrieb, erzählt aus der Sicht eines Betroffenen von diesem Abgleiten in den Dämmer, und er tut dies nicht mithilfe formaler Verfremdungstechniken. Im Gegenteil: Er inszeniert konsequent „realistisch“ und nutzt die Neigung des Publikums, alles, was in einem Film geschieht, zunächst einmal für bare Münze zu nehmen, um ihm dann gezielt den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Ein Kniff, der hier noch besser funktioniert als in der Abstraktion eines Theaterraums.

Der 83-jährige Anthony Hopkins, der für seine facettenreiche Arbeit seinen zweiten Oscar bekam (30 Jahre nach „Das Schweigen der Lämmer“), spielt einen gut situierten Londoner, der ebenfalls Anthony heißt und seine Pflegekräfte reihenweise verprellt: Es gehe ihm gut, er brauche keine Hilfe. Seine Tochter Anne (mal wieder grandios: Olivia Colman aus „The Favourite“) erträgt seine Launen stoisch, kümmert sich hier und kümmert sich dort.

Nach und nach aber schleichen sich Sonderbarkeiten in die glasklare Inszenierung: Mal will Anne einem neuen Mann nach Paris folgen, mal lebt sie seit zehn Jahren mit diesem zusammen, Details in der Ausstattung ändern sich, Anthony fühlt sich verfolgt. Dann wechseln die Darsteller und Schauplätze: Eine neue Pflegekraft kreuzt auf, ein Mann und eine Frau erscheinen in diversen Rollen, selbst Anne ist eine andere, und was geschah mit ihrer jüngeren Schwester?

Über weite Strecken funktioniert „The Father“ wie ein Psychothriller, in dem der Protagonist per „Gaslighting“ in den Wahnsinn getrieben werden soll – und erst allmählich, zum illusionslosen Ende hin, zeigen sich die tatsächlichen Umstände von Anthonys Lebenssituation. Wie diesem Mann Ort und Zeit abhandenkommen, allmählich und kaum merklich, das vollzieht dieses meisterliche Drama gleichsam eins zu eins nach – so erschütternd wie bewegend. Herausragend.

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