1. www.wn.de
  2. >
  3. Welt
  4. >
  5. Kino-kritik
  6. >
  7. Und irgendwo regiert Mitterrand

  8. >

„Passagiere der Nacht”: Poetisches Achtzigerjahre-Drama mit Charlotte Gainsbourg

Und irgendwo regiert Mitterrand

Charlotte Gainsbourg ist bekanntlich immer gut – auch in diesem Film, der im Paris der 1980er-Jahre angesiedelt und so skizzenhaft angelegt ist, dass das Label „Emanzipationsdrama” dafür viel zu bräsig klingen würde. Gainsbourg spielt eine alleinerziehende Mutter, die beruflich, romantisch und familiär mit neuen Anfängen und Umbrüchen konfrontiert wird. Mikhaël Hers’ Film wirkt wie die zufällig aufgeblätterten Seiten eines Märchens.

Von Gian-Philip Andreas

Foto: Pyramide Distribution

Am Anfang ein Freudentaumel: François Mitterrand ist zum Staatspräsidenten ernannt worden, die Hoffnung auf Veränderung liegt in der Luft. Drei Jahre später, 1984, ist von dieser Euphorie nichts mehr zu spüren, Regisseur Mikhaël Hers („Mein Leben mit Amanda“) legt eine Atmosphäre der Ernüchterung über seine grobkörnigen Paris-Bilder.

Charlotte Gainsbourg spielt die frisch verlassene Elisabeth, in prekären Plattenbau-Verhältnissen am Rande der Stadt erzieht die Fünfzigjährige zwei Teenager. Einen Neuanfang wagt sie beim Radio, zunächst als Assistentin einer Nacht­radio-Moderatorin – den weiblichen Domian spielt „8 Frauen“-Star Emmanuelle Béart als cool desillusionierte Veteranin. Auch an anderen Orten warten Veränderungen: neue Lieben, neue Bekannte, darunter die drogenabhängige Streunerin Talulah (Noée Abita, „Ava“), die Elisabeth bei sich aufnimmt.

Was nach tristem Sozialrealismus klingt, entpuppt sich als reizvoll fragmentarisch inszenierte Mischung aus Alltagsdrama, Charakterstudie und Achtzigerjahre-Märchen: Die großen Tragödien und Streitigkeiten finden außerhalb des Bildes statt. Regisseur Hers zoomt nur kurz in die porträtierten Leben hinein, spult dann vor, schaut wieder nach und findet immer neue schöne Sequenzen, die oft mit dem Kino selbst zu tun haben – etwa wenn Talulah sich mit Elisabeths Sohn in den neuesten Éric-Rohmer-Film schleicht. Ein skizzenhaftes, poetisches Zeitbild. Sehenswert.

Startseite