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Warten auf Schwalben

Unfälle und Untaten

Algerien heute: 56 Jahre nach der Unabhängigkeit und gut 15 Jahre nach den Bürgerkriegsgreueln der 1990er ist eine trügerische Ruhe eingekehrt in das nordafrikanische Land, dessen Präsident Bouteflika, Günstling des Militärs, seit 1999 ununterbrochen im Amt ist.

Gian-Philip Andreas

Aisha (Hania Amar) lässt sich von ihrem Chauffeur (Mehdi Ramdani) zu einem Tänzchen animieren. Dabei soll er sie eigentlich zur Schließung ihrer Zwangsheirat bringen. Foto: Missing Film

Nur selten erreichen Filme aus dem Maghreb unsere Kinos, schon deshalb lohnt sich ein Blick auf dieses auf diversen Festivals ausgezeichnete Gesellschaftsporträt.

„Warten auf Schwalben“ bietet eine Art Rundumblick auf den zehntgrößten Staat der Erde, in drei lose miteinander verbundenen und nur fragmentarisch anerzählten Episoden zwischen Stadt und Sahara, reich und arm, geht es von der Hafenmetropole Algiers ins Universitätsstädtchen Sétif und in die Oase Biskra.

Da geht es um den wohlhabenden Immobilieninvestor Mourad (Mohamed Djouhri), dessen zweite Frau zurück nach Frankreich möchte und dessen Sohn aus erster Ehe aus der Spur gerät – während er selbst an seiner Untätigkeit als Zeuge eines Mordes verzweifelt; es geht um die junge Aisha (Hania Amar), die von Mourads Chauffeur, ihrem Ex-Geliebten, zu ihrer eigenen Zwangsheirat transportiert wird; und um den ehrgeizigen Arzt Dahman (Hassan Kachach), dem eine Frau vorwirft, er habe während des Bürgerkriegs einer Gruppenvergewaltigung tatenlos zugesehen.

Der Film bleibt in Bewegung und lässt sich immer wieder ausbremsen: Autofahrten, Autounfälle und Autopannen sind die auffälligsten Metaphern, Taten- und Ratlosigkeit die zentralen Themen in Karim Moussaouis sehr sprödem, aber geschickt gebautem Spielfilmdebüt. Ein Film, der nicht diagnostiziert und belehrt, sondern erst einmal konstatiert.

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