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„Nomadland“: Herausragendes Road Movie

Unterwegs im Irgendwo

Herausragendes Road Movie um eine 60-jährige Witwe (Frances McDormand), die von Nevada nach Kalifornien aufbricht und sich zeitweise Arbeitsnomaden anschließt. Oscar 2021

Von Hans Gerhold

Fern (Frances McDormand) bewegt sich mit großer Empathie für Außenseiter durchs Niemandsland. Foto: imago images/ZUMA Press

Vor 50 Jahren brachen im Road Movie „Easy Rider“ zwei junge Männer in Kalifornien gen Osten auf, um Amerika zu suchen. Der vermasselte Traum von Freiheit dieser Generation wird im diesjährigen Oscar-Gewinner „Nomadland“ in Gegenrichtung von Nevada nach Kalifornien aus der Sicht einer 60-jährigen wohnungslosen Witwe formuliert, für die Amerika ein Schatten ist, in dem man (und Frau) sich selbst behaupten muss.

Das ist Pioniergeist im Sinn von Western, an dessen Mythen Regisseurin Chloé Zhao (Oscar) nicht interessiert ist, weil sie ihn zwischen Wüsten und Fabrikhallen im Niemandsland nicht aufspürt. Daran ändert auch das Bild des letzten Büffels nicht, den Fern (Oscar für Frances McDormand) aus dem Fenster ihres Kleinbusses erspäht – zwischen den Hügeln von Budd Boettichers Western, aber ohne Randolph Scott, dessen Minimalismus McDormand variiert.

Als die Mine schließt und ihr Mann gestorben ist, bricht Fern mit letzten Habseligkeiten auf, schließt sich Arbeitsnomaden an, begegnet Außenseitern und jenen über 60- und 70-jährigen, für die Globalisierung und Dollars keine Aussicht schaffen. Wie sie, die wahren Helden des Alltags, arbeitet Fern in Restaurants und Amazon-Hallen, reinigt Toiletten und Ausgüsse und legt als Hohn auf die Wellness von Wohlhabenden Gurken und nasses Toilettenpapier auf die Augen. Sie nimmt wie die Hippies ein Bad in den Wassern der Hügel und steht auf verlorenem Posten.

Die Liste der Preise für „Nomadland“ über die Oscars hinaus würde die Kritik füllen. Der Film ist so eindringlich, ungeschönt und realistisch wie deprimierend, trostlos und bewegend und zieht eine Linie von „Easy Rider“ und „Jeremiah Johnson“ zu „Winter’s Bone“ und „Picknick mit Bären“. Er konnte wohl nur von einer US-Chinesin ohne Traditionsballast so erzählt werden. All is Lost. Herausragend.

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