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„Wir sind dann wohl die Angehörigen“: Eindringlich

Was Ängste bewirken können

Der Entführungsfall Reemtsma (1996) als einfühlsames und eindringliches Kammerspiel, das aus der Innensicht der Familie erzählt und von hervorragenden Darstellern getragen wird, die Ängste, Enge, Hilflosigkeit und Isolation so überzeugend vermitteln wie Grenzüberschreitungen und Kräfteentwicklungen. Herausragend die Regie von Hans-Christian Schmid, der die psychologische Entwicklung in klare Bilder fasst.

Von Hans Gerhold

Ehefrau (Adina Vetter) und Sohn (Claude Heinrich) des Entführten machen schwere Zeiten durch. Foto: Pandora

Das hätte ein durchschnittlicher Familien- und Entführungsfilm im True-Crime-Format werden können. Es wurde ein eindringliches Kammerspiel, das aus der Innenperspektive einer Familie zeigt, was Ängste bewirken können. „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ erzählt den Entführungsfall Reemtsma, der 1996 die Medien beherrschte, als intensive psychologische Studie von Bedrohung, Isolation und Charakterentwicklung.

Als Jan Philipp Reemtsma, Multimillionär und Literaturhistoriker, vor seinem Haus entführt wird, informiert seine Frau Ann Kathrin Scheerer (Adina Vetter) Polizei, Anwalt und den 13-jährigen Sohn Johann: „Wir müssen jetzt ein Abenteuer bestehen.“ Das „Abenteuer“ besteht aus qualvollem Warten, Geduld, Hilflosigkeit, Nervenanspannungen und Schmerzen. Zugleich wird es eine Grenzüberschreitung und Kräfteentwicklung, zum Beispiel, wenn die Polizei Fehler macht.

Getragen wird die Innensicht des Dramas (Reemtsma bleibt außen vor) von Johann (großartig: Claude Heinrich), der Enge und Einsamkeit erlebt, die den im Konflikt mit seinem intellektuellen Vater lebenden Sohn verändern, stärken und ihm eine neue Sicht auf die Welt bringen.

Das Verdienst am Gelingen des Films liegt außer an den Darstellern (so auch Justus von Dohnányi als Anwalt) an Hans-Christian Schmid („Sturm“, „Was bleibt“). Er hält sich an das Erinnerungsbuch von Johann Scheerer (Reemtsmas Sohn), führt aber seinen Stil klarer psychologischer Stimmungen durch die Beschränkung filmischer Mittel sehenswert vor Augen. Die Familie bedankte sich nach der Sichtung.

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