1. www.wn.de
  2. >
  3. Welt
  4. >
  5. Kino-kritik
  6. >
  7. Was man für die große Liebe hielt

  8. >

„Sommer 85”: Neue Coming-of-Age-Geschichte von François Ozon

Was man für die große Liebe hielt

François Ozon hat sich schon mehrfach mit den Wirrungen des amourösen Erwachens beschäftigt. Sein neuer Film kommt an die besten Filme des französischen Regisseurs nicht ganz heran. Dennoch verbindet die in Rückblenden erzählte Liebesgeschichte auf geschickte Weise Idylle mit Melancholie.

Von Gian-Philip Andreas

Alex (Félix Lefebvre, vorn) ist hier noch glücklich mit David (Benjamin Voisin). Foto: Wild Bunch/dpa

In seinem 22. Langfilm beschäftigt sich François Ozon („Swimming Pool“, „In ihrem Haus“) mal wieder mit den ganz großen Fragen: Ist man selbst der Autor der eigenen Geschichte? Inwiefern ist den eigenen Gefühlen zu trauen? Und die erste große Liebe damals – verdiente sie wirklich die Vergötterung, die man ihr entgegenbrachte, oder war sie bloß eine Projektion, geboren aus dem Tsunami der erwachenden Gefühle?

Der französische Regisseur, Zentralgestalt des zeitgenössischen queeren Kinos, dekliniert all dies am 16-jährigen Alex (Félix Lefebvre) durch, der sich im titelgebenden Sommer in den etwas älteren David (Benjamin Voison) verliebt, nachdem dieser ihm im Meer vor der Normandie das Leben rettete. Die Idylle des Verliebtseins ist groß vor der malerischen Küstenkulisse, doch bereits von Anfang an wabert ein drohendes Unheil durch diese Bilder. Man darf verraten, was passiert, denn auch der Film rückt sofort damit heraus: David wird sterben, Alex bleibt zurück.

In der Rahmenhandlung schreibt Alex diese Geschichte auf, angeleitet durch seinen Lehrer (Melvil Poupaud aus „Laurence Any­ways“), und immer mehr kristallisiert sich heraus, dass die Bilder aus dem Sommer 1985 weniger das Erlebte zeigen als das Erinnerte – oder vielmehr das durch Alex gezielt Konstruierte und Überhöhte. So ergibt es dann auch Sinn, wie idealisiert David und seine freigeistige Mutter (Valeria Bruni Tedeschi) in diesen Rückblenden herüberkommen.

„Sommer 85“ kommt an die Tiefgründigkeit der besten Ozon-Filme (zuletzt etwa „Frantz“ und „Gelobt sei Gott“) dennoch nicht ganz heran, doch wird der perfekt besetzten Coming-of-Age-Geschichte ein angemessen melancholischer Überbau verpasst. Wie eben der Sommer selbst, dessen Tage, sobald er begonnen hat, bereits wieder kürzer werden.

Startseite
ANZEIGE