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„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“: Politdrama als Schelmenkomödie

Witz und Wut einer patenten Mutter

Der Fall Murat Kurnaz geht als unrühmliches Kapitel in die US-amerikanische- und auch deutsche Justizgeschichte ein, knapp fünf Jahre wurde der junge Bremer türkischer Herkunft in Guantanamo als Terrorist festgehalten – fälschlicherweise. Andreas Dresen erzählt die Geschichte nun aus Sicht von Kurnaz’ Mutter, furios gespielt von Meltem Kaptan. Auf der Berlinale gab es zwei Silberne Bären für den Film.

Von Gian-Philip Andreas

Schweigemarsch in Washington: Bernhard Docke (Alexander Scheer) und Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) Foto: dpa

Murat Kurnaz war 2002 einer der ersten Insassen des Gefangenenlagers Guantanamo, das nach den 9/11-Anschlägen auf Kuba eingerichtet worden war. Zuvor war der 19-jährige Bremer in Pakistan verhaftet und ans US-Militär verhökert worden: Muslim mit Zauselbart, klar: ein Terrorist! Nach allem, was man heute weiß, war er unschuldig. Trotzdem wurde er insgesamt fast fünf Jahre lang ohne Anklage auf Kuba festgehalten und gefoltert.

Der Fall Kurnaz ist als Skandal bestens dokumentiert, Kurnaz selbst hat ein Buch darüber geschrieben, der britische Spionage-Schriftsteller John Le Carré seinen „Marionetten“-Roman daraus destilliert, ein missglückter Spielfilm zum Thema lief 2013 ebenfalls schon in den Kinos. Wieso also wollte sich Andreas Dresen („Halt auf freier Strecke“) nun ebenfalls der Geschichte widmen?

Weil er einen neuen Blickwinkel fand. Von seiner Stammautorin Laila Stieler (die auf der Berlinale für das Drehbuch einen Bären gewann) ließ er die Story aus Sicht von Kurnaz’ Mutter Rabiye erzählen, die alles daransetzte, ihren Sohn zurück nach Deutschland zu holen. Zusammen mit dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke kämpfte sie von Bremen aus für ihren Sohn, Ausflüge in die Türkei und in die USA inklusive, wo sie den Fall schließlich, siehe Filmtitel, bis vor den Supreme Court trug.

Dass diese wahre Geschichte als unterhaltsames Schelmenstück funktioniert, liegt an den Hauptdarstellern: Die Kölner Comedienne Meltem Kaptan, geboren in Gütersloh, dampfwalzt als patente Matrone furios durch den Film, lässt aber auch immer wieder Rabiyes Verzweiflung durchscheinen. Auf der Berlinale gab’s für dieses Hauptrollendebüt den Schauspielbären. Alexander Scheer (Dresens „Gundermann“) ist allerdings nicht minder toll als nordisch trockener Anwalt.

Dafür, dass Dresen eigentlich einen „Protestfilm“ drehen wollte, wie er es bei der Berlinale formulierte, bleibt „Rabiye“ freilich zu zahm, denn Ross und Reiter nennt er nicht. Weder Hans-Georg Maaßen, der Kurnaz eine abgelaufene Aufenthaltsbescheinigung andichten ließ, noch Frank-Walter Steinmeier, der als Kanzleramtsminister mitverantwortete, dass eine frühe Gelegenheit zur Freilassung verstrich, werden erwähnt. Als humanistisches Feelgood-Kino, das in seinen stärksten Momenten an britische Underdog-Tragikomödien erinnert, ist der Film dennoch sehenswert.

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