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„Eine Sekunde“: Tribut an Kunst und Technik des analogen Kinos

Zelluloid-Rettung im heißen Wüstensand

Ein geflohener Sträfling und eine Vagabundin kämpfen in der Wüste aus unterschiedlichen Motiven um eine gestohlene Filmrolle. Von Chinas Meisterregisseur Zhang Yimou („Hero“) vor dem Hintergrund der Kulturrevolution melancholisch, skurril und zu Herzen gehend inszeniert. Ein Tribut an Technik, Kunst und Gefühle analogen Kinos. Sehenswert.

Von Hans Gerhold

Der Sträfling (Yi Zhang, r.) staunt über die Fähigkeiten von Filmvorführer „Mr. Movie“ (Fan Wei), der im Projektionsraum Zelluloidstreifen begutachtet. Foto: Huanxi Media Group

Zwischen großen Epen wie „Hero“ und „House of Flying Daggers“ inszeniert der chinesische Meister-Regisseur Zhang Yimou immer wieder Alltagsgeschichten („Heimweg“) und Gaunereien („A Woman, a Gun and a Noodle Shop“), die alle augenfreundlich im Breitwandformat gedreht sind. In „Eine Sekunde“ widmet er sich vor dem Hintergrund der Kulturrevolution dem analogen Kino und erzählt eine irre Geschichte von Verfolgung und Zweikampf ums Zelluloid.

Ein aus dem Gefängnis geflohener Sträfling (Yi Zhang) will in einem Dorf die „Wochenschau Nr. 22“ sehen. Dort stiehlt Vagabundin Liu (Liu Haocun) eine Rolle des Films „Heroische Söhne und Töchter“. Der Sträfling folgt ihr irrigerweise in die Wüste, wo die Rolle mehrmals den Besitzer wechselt. Die durch die Transporte ramponierte Wochenschau (auf Eselskarren) und der Film (voll Wüstensand) landen schließlich im nächsten Dorf, wo der empörte Filmvorführer „Mr. Movie“ (Fan Wei) das Dorf anspornt, das Material zu retten. Das allein treibt einem Filmfreund fast die Tränen in die Augen, wenn sämtliche Stadien der Filmrestaurierung bis zum Einlegen der Filmrolle vorgeführt werden. Die Geschichte um den Sträfling und die Waise, deren Motive spät enthüllt werden und zu einer Vater-Tochter-Beziehung führen, gehen zu Herzen. Der Sträfling will in der Wochenschau „eine Sekunde“ finden, auf der seine Tochter zu sehen ist. Liu will das Material für einen Lampenschirm für ihren kleinen Bruder.

„Eine Sekunde“ lag übrigens zwei Jahre auf Eis, bis der Film schließlich dann doch für das Kino-Publikum freigegeben wurde, was mit der milden Kritik Zhang Yimous an der Kulturrevolution (Gehorsam, Autoritätshörigkeit) zusammenhängt. Berufsethos zeigt auf alle Fälle Mr. Movie, der das gesamte Dorf zu solidarischem und kollektivem Handeln bringt. Großer Einsatz also für Technik, Handwerk und die Kunst analogen Kinos. Sehenswert.

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