1. www.wn.de
  2. >
  3. Welt
  4. >
  5. Kino-kritik
  6. >
  7. Zwei Köche im Schnee

  8. >

„Der Geschmack der kleinen Dinge“

Zwei Köche im Schnee

Ein französischer Chefkoch, der den Geschmackssinn verloren hat, will bei einem Kollegen in Japan seine Ursprünge wiederfinden. Teils Suche nach Lebenssinn und Kritik an der Überflussgesellschaft, verliert sich die milde Tragikomödie im Finale in den üblichen Wohlfühlfilm.

Von Hans Gerhold

Gabriel Carvin (Gérard Depardieu, l.) kann von Tetsuichi Morita (Kyozo Nagatsuka) viel lernen. Foto: Neue Visionen Filmverleih/dpa

Für einen Wohlfühlfilm der „Spezies Essen, Trinken und Reisen“ beginnt „Der Geschmack der kleinen Dinge“ erfreulich anders. Chefkoch Gabriel Carvin (Gérard Depardieu), der über der Arbeit die Familie vernachlässigt, verliert nach dem Herzinfarkt den Geschmackssinn und will in Japan das Geheimnis des würzigen Geschmacks „Umami“ (Originaltitel) bei Kollege Morita (Kyozo Nagatsuka) und dessen einst prämiierter Nudelsuppe wiederfinden.

Während Carvin zwischen Kapsel-Hotel, Fünf-Sterne-Klause und verschneitem Park herumirrt, wird die Familie von Morita vorgestellt, die aus drei Generationen von Frauen besteht; sie bilden im kleinen Ramen-Gasthaus zum Wintermond einen schönen Kontrast zu Carvins Luxusrestaurant in einem ehemaligen Kloster mit Kreuzgang. Morita wird Carvins Leiden unter anderem mit einer Fahrt im Kimono auf dem Dreirad und dem Aufstieg zur Schweinezucht im Gebirge mildern.

Das ist teils Absage an die Genusssucht der Überflussgesellschaft und ihre künstlichen Gebilde mit Influencerin, die die Haute Cuisine manipuliert und Carvins dichtende Gattin (Sandrine Bonnaire) zur Verzweiflung treibt. Teils ist die milde Tragikomödie tastende Suche nach Lebenssinn in einer von Unsinn verseuchten Gesellschaft, die in „üppiger Leere“ erstarrt ist.

„Umami“ – das Geheimnis des Geschmacks wird nicht enthüllt – flüchtet im Finale in eine Versöhnungsorgie, die die Familien eint und den Status quo wieder herstellt. Was die kleinen Dinge sind, wird behauptet, aber durch Drehbuch-Köche nicht eingelöst, die Disneys „Ratatouille“, Marcel Prousts „verlorene Zeit“ und Victor Hugos „Die Elenden“ munter verwursten. Schon wieder filmisches Sodbrennen!

Startseite