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Der Film „Spencer“ läuft nun auch in den deutschen Kinos an

Als Diana nach Nordkirchen kam

London/Nordkirchen/Dülmen

Vor Jahr und Tag wurde an Schauplätzen im Münsterland ein Hollywood-Streifen gedreht. Das Drama des chilenischen Regisseurs Pablo Larrain mit dem schlichten Titel „Spencer“ dreht sich um das Weihnachtsfest der britischen Königsfamilie im Jahr 1991. Nun läuft der Film in den Kinos an.

Von Philip Dethlefs und Johannes Loy

Zwischen Prinzessin Diana (Kristen Stewart) und Prinz Charles (Jack Farthing) herrscht zu Weihnachten 1991 längst Eiszeit. Das greift das Film-Drama „Spencer“ auf, das, wie man auf dem Bild unten rechts sieht, auch in Nordkirchen gedreht wurde. Foto: Pablo Larraín, DCM

Vor Jahr und Tag, es war an einigen klaren Märztagen, zeigte sich das „Westfälische Versailles“ in Nordkirchen nicht nur von der besten Seite, sondern war zugleich für mehrere Tage hermetisch abgeriegelt. Nicht wegen Corona, sondern wegen eines cineastischen Großaufgebots.

Wer sich dem Hauptgebäudes des Schlosses näherte, wurde humorlos und ohne weiteren erklärenden Kommentar abgewiesen. Nun kommt das, was nicht nur in Nordkirchen, sondern mit einigen Szenen teilweise auch in Dülmen, aber auch in einem hessischen Nobel-Hotel gedreht wurde, in die deutschen Kinos.

Kristen Stewart als Diana in Nordkirchen Foto: Pablo Larraín, DCM

Es ist ein Film über Weihnachten, aber definitiv kein Weihnachtsfilm. Das nach Aufführungen etwa bei den Filmfestspielen in Venedig im September nun schon nicht mehr ganz neue Drama des chilenischen Regisseurs Pablo Larrain mit dem schlichten Titel „Spencer“ dreht sich um das Weihnachtsfest der britischen Königsfamilie im Jahr 1991. Während des Wochenendes in Sandringham House, dem Landsitz der Königin, hadert eine psychisch schwer angeschlagene Prinzessin Diana mit den Zwängen ihres royalen Lebens, vor allem mit ihrer Ehe zu Prinz Charles, die längst in Scherben liegt.

Die US-Schauspielerin Kirsten Stewart („Twilight“) glänzt in der Hauptrolle. Wie sie klingt, wie sie geht und wie sie ihren Kopf immer wieder unsicher zur Seite legt – die Ähnlichkeit zu Sprache, Ausdruck und Gestus der echten Prinzessin ist verblüffend. Was die Handlung angeht, nimmt es „Spencer“ allerdings nicht so genau. „Es ist eine Fabel aus einer wahren Tragödie“, heißt es zu Beginn des Dramas.

Regisseur Larrain, der 2016 mit „Jackie“ über Jacqueline Kennedy einen von der Grundidee ähnlichen Film drehte, und Drehbuchautor Steven Knight („Tödliche Versprechen“) zeigen Diana als eine Frau vor dem Zusammenbruch. Aus ihrer Perspektive wird jeder Fototermin zum Drama. Der Landsitz der Queen wird zu einem Gefängnis, in dem sogar die Vorhänge zugenäht werden, damit niemand reinschauen kann. Oder heraus?

Kristen Stewart als Diana bei Dreharbeiten in Nordkirchen Foto: Copyright Pablo Larraín, DCM

Dreharbeiten in Nordkirchen und Dülmen

Der straffe Zeitplan und die Kleiderordnung der Festlichkeiten rund ums Weihnachtsfest nehmen Diana jegliche Individualität. Beim Weihnachtsessen wird sie von den anderen Royals, die in diesem Film recht bösartig wirken, kalt angestarrt. Zwischen den Gängen flüchtet sie sich aufs Klo, um sich zu übergeben. Ihre Söhne William und Harry merken, dass mit ihrer Mutter etwas nicht stimmt. Der verzweifelte William bittet seine Mutter, sich zusammenzureißen. Doch so einfach ist das nicht.

Diana hat Visionen von Anne Boleyn, die sie sogar von einem Selbstmordversuch abhält. Mitunter hält sich Diana selbst für Boleyn. Die wurde bekanntlich enthauptet, damit ihr Mann Henry VIII. seine dritte Frau heiraten konnte. In anderen Szenen sieht Diana ihr jugendliches Ich an sich vorbeitanzen. Den einzigen Halt bieten ihre Dresserin Maggie (Sally Hawkins) und Küchenchef Darren McGrady (Sean Harris), den es tatsächlich im wahren Leben gab und gibt.

Jack Farthing spielt Prinz Charles, die Schlosskulisse liefert Nordkirchen. Foto: Larraín, DCM

Wenn Diana etwa über der Kloschüssel hängt, bedeckt ihr prachtvolles Kleid den gesamten Badezimmerboden. Larrain arbeitet mit ruhigen, schönen Bildern, denen immer auch etwas Unangenehmes innewohnt. Der starke Soundtrack unterstreicht die Stimmung, mal mit düsteren Cello-Klängen zum Weihnachtsessen, mal mit wildem Freejazz, der Dianas aufgewühlte Persönlichkeit unterstreicht.

Neben Stewart überzeugen Kino-Veteran Timothy Spall als nerviger Aufpasser, Sean Harris, der sich von seinem Image als psychopathischer Terrorist in den „Mission: Impossible“-Filmen löst, und Jack Farthing als äußerst grimmiger Prinz Charles. Kaum zu sehen ist der deutsche Schauspieler Richard Sammel, der als Prinz Philip nur eine Minirolle hat.

Das bedrückende Weihnachtswochenende 1991 ist bisweilen auch aus Zuschauersicht eine sehr zähe Angelegenheit und fast anstrengend anzusehen. Das kann man sowohl positiv als auch negativ werten. Besser als Oliver Hirschbiegels kitschiges Liebesdrama „Diana“ von 2013 mit Naomi Watts in der Hauptrolle ist „Spencer“ allemal.

Der etwas dynamischere Erzählstil der Netflix-Erfolgsserie „The Crown“ ist wiederum leichter verdaulich als diese poetische, stark dramatisierte und übertriebene Arthouse-Version der Ereignisse, in der die Dialoge mit Metaphern und Anspielungen überfrachtet sind. Ob Diana hinter den Palastmauern wirklich so viel geflucht hat? Auch das Ende ist sehr dick aufgetragen.

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