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Ein neues Buch stellt die dunklen Seiten in der Biografie des legendären Komponisten-Enkels herausEin neues Buch stellt die dunklen Seiten in der Biografie des legendären Komponisten-Enkels heraus

Kratzer am Mythos Wieland Wagner

Bayreuth/Münster

Von Harald Suerland

Wieland und Wolfgang Wagner vor den ersten Bayreuther Festspielen nach dem Krieg Foto: Imago/Zuma/Keystone

Richard Wagner hegte lange Zeit Pläne für eine Oper über die Sage „Wieland der Schmied“. Geblieben davon sind ein weitgehend unbekannter Dramen-Entwurf und der Vorname, den Wagners Sohn Siegfried dem ersten Enkel gab: Wieland. Im Jahr 1917 geboren, galt Wieland Wagner von vornherein als Thronfolger, aus heutiger Sicht eine Art Prinz Charles der Bayreuther Festspiele, die seit dem Tod seines Vaters 1930 von Mutter Winifred geleitet wurden.

Und Wieland bestieg den Thron: Im Jahr 1951 konnte er gemeinsam mit seinem Bruder Wolfgang die ersten Nachkriegs-Festspiele eröffnen und setzte mit dem „Meistersinger“-Zitat „Hier gilt’s der Kunst“ ein inhaltliches Zeichen. Die Enkel wollten die Festspiele von jenen politischen Verflechtungen freihalten, in die sie auch durch die Freundschaft von Mutter Winifred mit Adolf Hitler geraten waren. Mehr noch wollte vor allem Wieland Wagner als Bühnenbildner und Regisseur zeigen, dass die Werke seines Großvaters ihre zeitlose Qualität durch szenische Reduktion, durch Verzicht auf Germanen-Plunder und Romantik-Kitsch entfalten. Durch seine „Entrümpelung“ wurde er zur Hassfigur der Alt-Wagnerianer und zum Mythos der Erneuerung. Dass er sich mit seiner Mutter überwarf, die nach wie vor freundlich von Hitler sprach, passte bestens ins Bild.

Doch mittlerweile fallen Schatten auf den Nachruhm des 1966 schon früh verstorbenen Festspielleiters. Ein neues Buch des in Thurnau bei Bayreuth forschenden Musikwissenschaftlers Anno Mungen bringt auf den Punkt, was schon andere Publikationen aus den letzten Jahren enthüllten: Wieland Wagner, der die Nachkriegszeit in Nußdorf am Bodensee verbrachte, war durchaus nicht nur der „Mitläufer“, als der er später eingestuft wurde. Denn es blieb nicht bei der kindlich-jugendlichen Zuneigung der Wagner-Enkel für jenen „Onkel Wolf“, der für andere „der Führer“ war. Hitler förderte den designierten Bayreuther Thronfolger nach Kräften, im Gegensatz zum jüngeren Wolfgang wurde Wieland Wagner vom Militärdienst freigestellt – und hatte schon bald seine Mutter in der Gunst Hitlers überflügelt. Was offenbar nicht nur ein passives Geschehenlassen war: Autor Anno Mungen nutzt vor allem die Tagebücher der Bayreuth-Zeitgenossin Gertrud Strobel und Dokumente der Familie, um Wieland Wagners Bewunderung für seinen Förderer zu illustrieren. Wielands Ehefrau Gertrud Wagner etwa beschreibt noch im Januar 1945 ein gemeinsames Nachtessen mit Hitler in Berlin, das sie alle „sehr anregend“ fanden und mit „sehr positiven Gefühlen“ verlassen hätten: „Das hat recht wohlgetan“.

Was bereits in einer Ausstellung des Museums Villa Wahnfried gezeigt wurde, lässt sich auch hier nachlesen: Wieland Wagner, der in den 1940er Jahren mit seiner Familie in München lebte und von dort aus etwa im thüringischen Altenburg seine künstlerischen Fähigkeiten erproben konnte, erhielt wertvolle Anregungen von den wichtigsten Mitstreitern seiner Mutter in Bayreuth, dem Regisseur und Dirigenten Heinz Tietjen und dem Bühnenbildner Emil Preetorius. Seine Ästhetik, die beim Neubeginn der Bayreuther Festspiele für so großes Aufsehen sorgte, wurzelt eben auch in der Kunst dieser von den Nazi-Größen durchaus bewunderten Männer. Zugleich übte Wieland Wagner aber an diesen übermächtigen Theaterleuten Kritik, um sich selbst in Position zu bringen.

Da der Autor Anno Mungen, wie etwa die von ihm zitierte Winifred-Biografin Brigitte Hamann, mit seriösem Quellenstudium aufwarten kann, dürften die Erkenntnisse nur wenig Widerspruch herausfordern. Dass Wieland Wagners kluge Tochter Nike, zuletzt Leiterin des Bonner Beethovenfests, ihren Vater als „Ahnherrn“ des Regietheaters lobte und die von ihm und seiner Frau umgesetzten Regiearbeiten gern von denen des Bruders und Festspiel-Nachfolgers Wolfgang Wagner abhob, wird dadurch nicht relativiert. Womöglich ist das Bild des zum Mythos stilisierten Wieland Wagner nur etwas realistischer geworden.

Anno Mungen: Hier gilt’s der Kunst. Wieland Wagner 1941-1945. Westend-Verlag, 160 Seiten, 18 Euro

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