1. www.wn.de
  2. >
  3. Welt
  4. >
  5. Kulturwelt
  6. >
  7. Stirbt die Kultur? Warum mancherorts Zuschauer ausbleiben

  8. >

Theater und Kino

Stirbt die Kultur? Warum mancherorts Zuschauer ausbleiben

Berlin (dpa)

Schlechte Zuschauerbilanzen, unsichere Aussichten: Die Lage der Theater und Kinos in Deutschland ist mancherorts dramatisch. Ein Teil des Publikums bleibt weg. Woran liegt das? Und: Kommt es wieder?

Theaterkarten werden nach Einschätzung des Deutschen Bühnenvereins inzwischen oft kurzfristiger gekauft als vor der Corona-Pandemie. Foto: Gerald Matzka/dpa-Zentralbild/dpa

Die Ausnahmesituation Corona hat Deutschlands Bühnen und Kinos eine Achterbahnfahrt beschert. Die neueste Statistik der Filmförderungsanstalt (FFA) zeigte neulich, dass die Geschäfte für die Kinos immer noch nicht so laufen wie vorher. Im ersten Halbjahr 2022 wurden rund 33,2 Millionen Tickets verkauft. Das war zwar deutlich mehr als ein Jahr zuvor - da hatten Filmtheater wegen des Coronavirus weitgehend geschlossen -, aber es sind noch immer etwa 20 Millionen Tickets weniger als vor der Krise.

In den Theatern ist die Lage laut Deutschem Bühnenverein unterschiedlich. Manche Bühnen berichten von guten Auslastungszahlen, manche nicht. Was aber klar zu beobachten ist: Abo-Zahlen gehen zurück.

Woran liegt das - und wo wird es hinführen? Stirbt die Kultur - also das Kulturleben mit Theatern, Opernhäusern, Konzertsälen und Lichtspielhäusern?

Eine Auswahl von Thesen zum Thema:

  • Innerer Lockdown als Dauerzustand: Die Corona-Zahlen empfinden viele bis heute als beunruhigend und sie überlegen sich genau, wofür sie ein Risiko eingehen. Öffentliche Verkehrsmittel, Fitnessstudios, Clubs, aber auch Kinos und Theater sind für manche Angst-Orte in Sachen Infektion. Dabei betonen Wissenschaftler, dass das Risiko nicht überall gleich ist. Wichtig sind die Personenanzahl im Raum, die Belüftung, die Aufenthaltsdauer, die Aktivität (beim Sprechen und zum Beispiel Singen werden mehr möglicherweise ansteckende Tröpfchen produziert). Eine Studie des Aerosolforschers Martin Kriegel von der TU Berlin stellte Berechnungen zu einem Risiko-Vergleich von bestimmten Alltagssituationen an. Weit oben rangieren demnach Aufenthalte in Büros und Schulen, in der Mitte Restaurantbesuche und mit eher geringem Risiko sind Theater- und Kinobesuche behaftet, bei denen das Publikum ja meist schweigt. Dennoch: Auch beim Theaterpublikum zeigt sich die gesellschaftliche Polarisierung, denn einige gehen wohl gerade deshalb auch weniger ins Theater, weil der Besuch derzeit wieder ohne Masken und Tests möglich ist.
  • Anderes Planungsverhalten: Theaterkarten werden nach Einschätzung des Deutschen Bühnenvereins inzwischen oft kurzfristiger gekauft als vor der Pandemie. Vor allen Dingen älteres Publikum bleibe aus. Menschen kauften kurzfristig, sagte die Geschäftsführende Direktorin Claudia Schmitz kürzlich. Abonnements, die seit Jahren schon weniger begehrt seien, seien weiter rückläufig. Viele denken inzwischen, wer weiß schon, was in drei Monaten ist. In der Spielzeit 2021/22 zum Beispiel wurden viele Vorstellungen plötzlich geändert oder abgesagt, weil es Coronafälle in Theater-Teams gab. Da wurde oft Vorfreude enttäuscht.
  • Andere Prioritäten: Selbst Theaterfans berichten in Gesprächen, dass sie «jetzt nach Corona» erstmal ganz viele andere Sachen nachholen und machen wollten und Kultur - also Theaterspielpläne, aber auch Kinoprogramme - so gar nicht auf dem Schirm haben. Manche sprechen aber auch von einem neuen Biedermeier, also einer Lebens- und Geisteshaltung, die dem Privaten und den eigenen vier Wänden den Vorzug gibt und das öffentliche Leben und Engagement scheut.
  • Neue Gewohnheiten: «Pandemie, Ukrainekrieg, Inflation, Klimaängste, Energiesorgen - unter dem wachsenden Druck der Verhältnisse ändern sich nicht nur Bedürfnisse und Prioritäten, sondern auch Gewohnheiten», schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» kürzlich. «Die Gesellschaft enthabitualisiert sich in immer stärkerem Maße.» Sie werde in neue Formen gepresst, deren Umrisse noch unklar sind.
  • Geld ist knapp: Bei aller Liebe zur Kultur und der Wertschätzung von Deutschlands weltweit einzigartiger Theaterlandschaft mit einer Fülle von Stadttheatern - es kostet halt auch Geld. Viele Leute überlegen derzeit genau, ob sie angesichts von Inflation, Angst vor Rezession und einem harten Winter Lust haben, ins Theater zu gehen und dort mit Eintrittsgeld und Drinks mal eben an einem Abend 100 Euro auszugeben.
  • Siegeszug des Heimkinos: Die Zeit des Kinos ist einfach vorbei, dank Streamingdiensten und Pandemie. Diese These stellte zumindest der Schriftsteller Bret Easton Ellis («American Psycho») schon letztes Jahr in seinem Podcast auf, wie die «Welt» kürzlich zitierte. Eine Lebensspanne von 99 Jahren sei der Kunstform vergönnt gewesen, von 1920 bis 2019 - «in den Palästen und Tempeln, die für dieses Medium gebaut worden waren, deren Darsteller wir zu unseren Königinnen und Königen machten und für die wir uns in langen Schlangen anstellten».
  • Nur noch Stars zählen: Aus Film und Fernsehen bekannte Gesichter oder zumindest unter Theaterinteressierten bekannte Namen ziehen noch Publikum ins Theater, so eine Mutmaßung. Deshalb gehe es Theatern in Städten mit mehr Promis wie Berlin, Hamburg, München, aber auch Wien, Köln und Zürich besser als etwa in kleineren und ärmeren Kommunen.
  • Keine Lust auf Belehrung: Das Regietheater in Deutschland mit seinen Befindlichkeiten und Provokationen ist seit den 70ern zum Klischee geworden. Viele Leute empfinden die Theaterszene als arrogant und selbstbezüglich, es sei eine Branche, in der hochsubventionierte Macher die sie bezahlenden Bürger erziehen wollten, so der Eindruck. Die «Süddeutsche Zeitung» meinte neulich, offenbar «haben immer weniger Zuschauer Lust, sich von der Bühne herab mit kapitalismuskritischen Banalitäten und den neuesten Windungen der Identitätspolitik belehren zu lassen». Die Pandemie wirke hier wie ein Brandbeschleuniger. «Sie verstärkt eine Besucher-Krise, die sich schlecht geführte Theater selbst eingebrockt haben.»
Startseite
ANZEIGE